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"Ein goldener Nachmittag"


Ein goldener Nachmittag
[superNOWA 1997 "Trzyna¶cie kotów"]

                              Andrzej Sapkowski

                           Ein goldener Nachmittag

       All in the golden afternoon
       Full leisurely we glide...

       Lewis Carol

       Der  Nachmittag  kündigte  sich sehr interessant an; einer von dieser
  sagenhaften  Nachmittage,  deren Existenz nur darauf ausgerichtet ist, sie
  mit  langanhaltendem  und süßen far niente zu verbringen, und zwar bis man
  vor  lauter  Faulheit  wohlig  ermüdet. So einen Wonnezustand erreicht man
  natürlich  nicht  einfach  so - planlos und ohne Vorbereitung - in dem man
  sich  einfach  irgendwo  in  die Horizontale wirft. Nein, meine Lieben. Er
  verlangt  nach  vorangehenden Aktivitäten, sowohl intellektueller wie auch
  körperlicher  Art.  Das  Faulenzentum  muß,  wie  einige zu sagen pflegen,
  verdient werden.
       Damit  ich  also  keinen einzigen von den genauesntens ausgerechneten
  Augenblicken,  aus den sich gewöhnlich wonnige Nachmittage zusammensetzen,
  verlor,  ging  ich  an  die  Arbeit. Ich begab mich dann richtung Wald und
  betrat  denselben,  ohne  die  Warntafel  "BEWARE  THE JABBERWOCK", die am
  Waldrand  stand,  zu  beachten. Ohne Eile, die bei solchen Angelegenheiten
  verhängnisvoll  sein  kann,  suchte  ich nach allen Regeln der Kunst einen
  passenden  Baum  und  bestieg  ihn.  Dann  traf ich die Wahl des richtigen
  Astes,  mich  dabei  der  Theorie  von  revolutionibus  orbium  coelestium
  bedienend.  Zu klug gesprochen? Dann sage ich es einfacher: Ich wählte den
  Ast  aus,  auf  dem  die  Sonne  mir den ganzen Nachmittag das Fell wärmen
  sollte.
       Die  Sonne  brannte  kräftig vom Himmel, die Rinde duftete, die Vögel
  und  Insekten  sangen  mehrstimmig ihr ewiges Lied. Ich legte mich auf den
  Ast,  ließ  den Schwanz pittoresk herunterbaumeln und stutzte das Kinn auf
  die Pfoten. Ich war schon dabei, in wohliger Lethargie einzudösen; ich war
  schon   bereit,   der   ganzen  Welt  meine  uferlose  Geringschätzung  zu
  demonstrieren,  als  ich  plötzlich am weiten Horizont einen kleinen Punkt
  bemerkte.
       Der  Punkt  nahte schnell. Ich hob den Kopf. Unter normalen Umständen
  würde  ich  mich  vielleicht nicht dazu herablassen, mich auf herannahende
  dunkle  Punkte  zu  konzentrieren,  denn  normalerweise stellen sich diese
  dunklen  Punkte als Vögel heraus. Aber in dem Reich, in dem ich mich jetzt
  befand,  herrschten  keine  normalen  Umstände.  Ein  am Himmel fliegender
  dunkler  Punkt  konnte  sich bei näherer Betrachtung als ein Konzertflügel
  herausstellen.
       Die  Statistik  aber  bewies  zum  unzähligsten  mal, die Königin der
  Wissenschaften  zu  sein. Der herannahende Punkt war zwar kein Vogel, aber
  zum  Konzertflügel  fehlte ihm auch eine ganze Ecke. Ich seufzte, denn ich
  hätte lieber einen Flügel. Ein Flügel, solange er nicht neben einem Hocker
  mit  Mozart  drauf  über  den  Himmel  fliegt,  ist  eine Erscheinung, die
  vorübergehender  Natur  ist  und die Ohren nicht unangenehm reizt. Dagegen
  Radetzky  -  denn  gerade  Radetzky flog heran - konnte sehr laut, auf den
  Sack  gehend  und ermüdend wirken. Ich sage es, ohne gehässig zu sein: Das
  war im Prinzip alles, was Radetzky konnte.
       "Haben  denn  nicht  die  Kätzchen  auf  Fledermäuse  ein Böckchen?",
  krächzte  er,  über  meinem Kopf und über meinem Ast kreisend. "Haben denn
  nicht die Kätzchen auf Fledermäuse ein Böckchen?"
       "Verpiß dich, Radetzky."
       "Bist  du aber vulgär, Chester. Haaa - haaaa! Do cats eat bats? Haben
  denn nicht die Kätzchen auf Fledermäuse ein Böckchen? Und haben denn nicht
  manchmal die Fledermäuse auf die Kätzchen ein Böckchen?"
       "Du willst mir anscheinend etwas erzählen. Tu das und entferne dich."
       Radetzky  heftete  sich  mit  den  Krallen am Ast über mir, ließ sich
  hängen und faltete die hautigen Flügel zusammen; er nahm damit die Gestalt
  einer  Maus  von der Antipoden an, welche in meinen Augen etwas angenehmer
  war.
       "Ich weiß etwas!", schrie er schrill.
       "Endlich. Die Natur ist in ihrer Güte unergründlich."
       "Ein Gast!", quietschte die Fledermaus, die sich wie ein Akrobat bog.
  "Ein  Gast  verirrrrrte  sich in das Land. Eeeeeiiiiin freuuudiger Tag ist
  angebrochen! Wir haben einen Gast, Chester! Einen echten Gast!."
       "Hast du ihn mit deinen eigenen Augen gesehen?"
       "Nein...",  er  wurde verlegen, bewegte mit seinen riesigen Ohren und
  mit  dem  witzigen  Knopf  seiner  Nase. "Ich habe ihn nicht gesehen. Aber
  Johnny Caterpillar hat es mir gesagt."
       Einen  Augenblick  lang  hatte  ich  vor,  ihn rauh und mit möglichst
  unflätigen   Worten  für  die  Störung  meiner  Siesta  durch  Verbreitung
  unbestätigter  Gerüchte  zu schelten. Ich hielt mich aber zurück. Erstens,
  Johnny  "Blue" Caterpillar hatte viele Laster, eine Neigung zum Schwindeln
  und  Konfabulieren  gehöre  jedoch nicht dazu. Zweitens, in dem Land waren
  Gäste  ein  recht  seltenes,  für  alle  Bewohner sehr aufregendes, jedoch
  eigentlich  ziemlich regelmäßiges Vorkommnis. Ihr werdet es nicht glauben,
  aber  einmal  ist uns ein Inka-Indio vorbeigekommen, ein von Koka-Blättern
  oder  sonstiger  präkolumbianischer Pest völlig Verstörter. Mit dem hatten
  alle  richtig  Spaß!  Er  irrte  durch die Gegend, hielt jeden an und auf,
  parlierte  in einem für niemanden verständlichen Dialekt, schrie, spuckte,
  spritzte  mit  seinem  Speichel  um sich und bedrohte uns mit einem Messer
  aus Obsidian. Bald ging er fort, er ging für immer fort, wie alle anderen.
  Er  ging auf eine spektakuläre, grausame und blutige Art fort. Die Königin
  Mab  hatte  sich  seiner angenommen. Sie und ihr Gefolge, das sich mit dem
  Namen  "Herrscher  der  Herzen"  zu  bezeichnen  pflegte.  Wir nannten sie
  einfach "die Herzen". Les Coeurs.
       "Ich   fliege",   erklärte   plötzlich   Radetzky,   meine   Gedanken
  unterbrechend.  "Ich fliege, die anderen zu benachrichtigen. Über den Gast
  natürlich. Macht's gut, Chester."
       Ich  streckte  mich auf meinem Ast aus, ohne ihn mit einer Antwort zu
  beehren. Er war keiner Ehre würdig. Ich war schließlich eine Katze, und er
  nur    eine   fliegende   Maus,   die   vergeblich   versuchte   wie   ein
  miniaturisierter Graf Dracula auszusehen.

                                    * * *

       Gibt es etwas Schlimmeres, als einen Vollidioten im Walde?
       Derjenige  von  euch,  der  "Nichts!"  gerufen  hatte, lag nicht ganz
  richtig.  Es  gibt  noch  etwas,  das  schlimmer ist, als ein Vollidiot im
  Walde.
       Es ist eine Vollidiotin im Wald.
       Eine  Vollidiotin  im  Wald - Achtung! - kann man an folgenden Dingen
  erkennen:  Man  hört sie aus einer halben Meile Entfernung; sie macht alle
  drei  oder  vier  Schritte  einen  ungeschickten  Hopser; sie trällert und
  spricht  mit  sich selbst; sie versucht nach den Tannenzapfen auf dem Pfad
  zu treten, trifft aber keine.
       Und wenn sie euch, bequem auf dem Ast eines Baumes liegend, entdeckt,
  sagt sie: "Oh"; danach starrt sie euch dreist an.
       "Oh",  sagte die Vollidiotin, den Kopf in den Nacken werfend und mich
  dreist anstarrend. "Sei gegrüßt, Katze."
       Ich  grinste  und  die  Vollidiotin,  sowieso schon so ungesund blaß,
  wurde noch blasser und faltete die Hände auf dem Rücken. Um das Zittern zu
  verbergen.
       "Guten Tag, Herr Kater", stammelte sie und machte einen ungeschickten
  Knicks.
       "Bonjour, ma fille", antwortete ich, ohne mit dem Lächeln aufzuhören.
  Das  Französisch  sollte,  wie  ihr  euch  denken  könnt,  die Vollidiotin
  durcheinanderbringen.  Ich  hatte  noch nicht entschieden, was ich mit ihr
  anstellen  würde,  ich  wollte  mir  jedoch  einen  Spaß  gönnen. Und eine
  durcheinandergebrachte Vollidiotin ist sehr amüsant.
       Ich   korrigierte   langsam  meine  Position  auf  dem  Ast,  um  die
  Vollidiotin  nicht  zu  verscheuchen. Wie ich schon anmerkte, war ich noch
  nicht  entschlossen. Ich hatte keine Angst, es mit Les Coeurs aufzunehmen,
  die  das  alleinige  Recht auf die Vernichtung der Gäste beanspruchten und
  aggressiv  wurden, wenn sich jemand erdreistete, ihnen zuvorzukommen. Mir,
  einer  Katze,  waren  ihre  Rechte  natürlich  völlig  schnuppe. Mir waren
  übrigens  jegliche Rechte von irgend jemanden völlig schnuppe. Darum hatte
  ich auch kleine Auseinandersetzungen mit Les Coeurs und ihrer Königin, der
  rothaarigen Mab. Ich fürchtete mich nicht vor solchen Konflikten. Ich habe
  sie  geradezu  heraufbeschworen,  wenn  es  mir  danach  war.  Jetzt  aber
  verspürte  ich  keine  rechte  Lust  dazu.  Aber  die Position auf dem Ast
  korrigierte  ich dennoch. Im Fall der Fälle wollte ich die Sache mit einem
  Sprung  erledigen  können,  denn  auf  das Gejage durch den Wald hatte ich
  nicht die Spur einer Lust.
       "Nie  im  meinen  Leben",  sagte  das  Mädchen  mit leicht zitternder
  Stimme, "sah ich eine Katze, die so lächelt. Auf diese Weise lächelt."
       Ich  bewegte  mit  meinem  Ohr, um zu zeigen, daß das für mich nichts
  Neues ist.
       "Ich  habe eine Katze", gab sie bekannt. "Meine Katze heißt Dina. Und
  wie heißt du?"
       "Du  bist  hier  der  Gast,  teures  Mädchen. Du solltest dich zuerst
  vorstellen."
       "Entschuldigung".  Sie  knickste, den Blick senkend. Schade, denn sie
  hatte  sehr  dunkle und für einen Menschen sehr schöne Augen. "In der Tat,
  das  war  unhöflich,  ich  sollte mich zuerst vorstellen. Ich heiße Alice.
  Alice  Liddell.  Ich  bin  hier, weil ich in einen Kaninchenbau gekrabbelt
  bin.  Nach einem weißen Kaninchen mit rosa Augen, das eine Weste trug. Und
  in der Westentasche eine Uhr."
       Inka, dachte ich. Spricht verständlich, spuckt nicht, hat kein Messer
  aus Obsidian. Trotz alle dem ein Inka.
       "Haben wir denn Gras geraucht, Fräulein?", sprach ich sie höflich an.
  "Haben  wir  Barbituränchen  geschluckt?  Oder  haben wir etwa Amphetamine
  gefixt? Ma foi, früh fangen jetzt die Kinder an."
       "Ich verstehe kein Wort", sie schüttelte den Kopf. "Ich habe von dem,
  was  du sagtest, Kater, kein Wort verstanden. Kein Wörtchen. Kein einziges
  Wörtlein."
       Sie  sprach  seltsam, war aber noch seltsamer gekleidet; ich hatte es
  erst  jetzt  bemerkt.  Glockenröckchen,  Schürze,  Kragen mit abgerundeten
  Ecken,  kurze,  ausgestellte  Ärmel,  Strümpfe...  Ja,  verdammt noch mal,
  Strümpfe.  Und  Stiefel  mit  Riemchen.  Fin  de  siecle,  wenn  mir meine
  Gesundheit  lieb ist. Drogen und Alkohol kann man also ausschließen. Wenn,
  natürlich,  ihre  Kleidung  keine  Verkleidung ist. Sie könnte in das Land
  direkt  von  einer Schulvorstellung treffen, wo sie die Kleine Miss Muffet
  spielte, die auf dem Sand neben der Spinne saß. Oder direkt von der Feier,
  auf  welcher  die  junge  Theatertruppe den Erfolg der Vorstellung mit ein
  paar Handvoll Schnee feierte. Und dieses hielt ich nach einiger Überlegung
  für das Wahrscheinlichste.
       "Na,  was  haben  wir  denn  eingenommen?",  fragte  ich. "Welche der
  Substanzen   ließ  uns  diesen  besonderen  Bewußtseinszustand  erreichen?
  Welches  Präparat  trug  uns  in  das Land der Träume? Oder haben wir etwa
  einfach ohne Maßen lauwarmen Gin mit Tonic getrunken?"
       "Ich?",  sie wurde rot. "Ich trank überhaupt nichts... Das heißt, nur
  einen  ,  ein  klitzekleines  Schlückchen...  Na,  vielleicht zwei... Oder
  drei...  Aber  auf  der  Flasche  war  doch  ein Zettel mit der Aufschrift
  "Trinke mich aus". Das konnte mir auf keinen Fall schaden."
       "Geradezu, als hätte ich Janis Joplin hören können."
       "Bitte?"
       "Unwichtig."
       "Du wolltest mir sagen, wie du heißt."
       "Chester. Zu ihren Diensten."
       "Chester  liegt  in  der Grafschaft Cheshire", gab sie stolz bekannt.
  "Ich  habe  es  gerade  in  der Schule gelernt. Du bist also ein Kater aus
  Cheshire! Und wie kannst du mir dienen? Machst du mir etwas angenehmes?"
       "Ich   mache   dir  nichts  unangenehmes",  ich  grinste,  die  Zähne
  fletschend  und  entschloß mich endlich, sie zur Verfügung von Mab und Les
  Coeurs  zu  überlassen. "Betrachte es als eine Dienstleistung. Und erwarte
  keine weiteren. Auf Wiedersehen."
       "Hmmm...",  sie  zögerte.  "Gut, ich gehe ja gleich... Aber zuerst...
  Sage mir, was du auf dem Baum tust?"
       "Ich liege in der Grafschaft Cheshire. Auf Wiedersehen."
       "Aber ich... Ich weiß nicht, wie ich hier rauskomme."
       "Es  ging  mir ausschließlich darum, daß du dich entfernst", erklärte
  ich.  "Denn wenn es um das Rausgehen geht, ist das vergebliche Mühe, Alice
  Liddell. Hier kommt man nicht heraus."
       "Bitte?"
       "Hier  kommt  man  nicht  raus, Dummerchen. Man sollte auf die andere
  Seite des Aufklebers auf der Flasche schauen."
       "Stimmt nicht."
       Ich wischte mit meinem vom Ast herunterhängenden Schwanz, was bei uns
  Katzen dem Schulterzucken entspricht.
       "Stimmt nicht", wiederholte sie zänkisch. "Ich werde ein Bißchen hin-
  und  herspazieren,  und  dann  kehre  ich  zurück nach Hause. Ich muß. Ich
  besuche  eine  Schule,  ich  kann den Unterricht nicht versäumen. Außerdem
  hätte  meine Mutter Sehnsucht nach mir. Und Dina auch. Dina, das ist meine
  Katze.  Habe  ich  schon  von  ihr  erzählt?  Auf  Wiedersehen,  Kater aus
  Cheshire.  Würdest  du  die  Güte  haben,  mir zu sagen, wohin dieser Pfad
  führt? Wohin komme ich, wenn ich hier entlang gehe? Wohnt da jemand?"
       "Dort", zeigte ich mit einer sparsamen Kopfbewegung, "wohnt Archibald
  Haigha, für Freunde Archie. Er ist verrückter, als ein Hase im März. Daher
  nennen wir ihn: Märzhase. Dort drüben dagegen wohnt Bertrand Russel Hatta,
  der  so  verrückt ist, wie ein Hutmacher. Daher nennen wir ihn: Hutmacher.
  Beide, wie du dir vielleicht schon denken kannst, sind wahnsinnig."
       "Aber ich habe keine Lust Wahnsinnige und Verrückte zu treffen."
       "Wir   alle  hier  sind  wahnsinnig.  Ich  bin  wahnsinnig.  Du  bist
  wahnsinnig."
       "Ich? Das ist nicht wahr! Warum sagst du so etwas?"
       "Wärest  du nicht wahnsinnig", erklärte ich, schon etwas gelangweilt,
  "würdest du nicht hier sein."
       "Du  sprichst  in Rätseln...", begann sie, aber plötzlich wurden ihre
  Augen  ganz  groß.  "Was  ist  denn...  Was  passiert  mit  dir? Katze aus
  Cheshire! Verschwinde nicht! Verschwinde nicht, bitte!"
       "Liebes  Kind", sagte ich sanft, "nicht ich verschwinde, sondern dein
  Gehirn  hört  auf  zu  funktionieren; es ist nicht mal mehr dazu fähig, im
  Delirium  zu  Phantasieren.  Der  Betrieb  wird  eingestellt.  Mit anderen
  Worten..."
       Ich sprach nicht zuende. Ich konnte es nicht fertigbringen, es zuende
  zu sprechen. Ihr zu erklären, daß sie stirbt.
       "Ich  sehe  dich  wieder!",  rief  sie triumphal. "Du bist wieder da.
  Mache  es nie wieder. Verschwinde nicht so plötzlich. Das ist schrecklich.
  Mir wird schwindlig davon."
       "Ich weiß."
       "Ich muß schon gehen. Auf Wiedersehen, Katze aus Cheshire."
       "Lebewohl, Alice Liddell."

                                    * * *

       Ich  greife  ein  Bißchen  voraus. Ich habe diesen Tag nicht im süßen
  Faulenzentum  verbracht.  Aus  dem  Schlaf  gerissen und aus der Lethargie
  hochgeschreckt  war  ich  nicht mehr in der Lage, die alte Stimmung in mir
  wieder   aufzubauen.  Was  soll's,  die  Welt  geht  vor  die  Hunde.  Den
  schlafenden  oder  dösenden  Katzen  wird  keine  Rücksicht  und keinerlei
  Respekt  mehr gezollt. Wo sind die Zeiten, in dennen der Prophet Mohammed,
  als  er  aufstehen  und  in  die  Moschee gehen wollte, aber eine im Ärmel
  seines  Gewandes  schlafende  Katze  nicht aufwecken wollte, den Ärmel mit
  einem  Messer  vom Rock abtrennte. Niemand von euch, da wette ich um jedes
  Geld,  würde  sich zu einer ähnlich edlen Tat bewegen lassen. Daher glaube
  ich kaum, daß einer von Euch es schaffen wird, ein Prophet zu werden, auch
  wenn  er  ein  ganzes Jahr lang von Mekka nach Medina zu Fuß laufen würde.
  Was soll's, wie der Mohammed der Katze, so die Katze dem Mohammed.
       Ich  überlegte  nicht  länger  als  eine Stunde. Dann - es hatte mich
  selbst  gewundert  -  stieg  ich  vom Baum herunter und ging ohne Eile den
  schmalen  Waldpad  entlang  in  Richtung  Behausung  von Archibald Haighy,
  genannt  Märzhase.  Ich  könnte natürlich, wenn ich es denn gewollt hätte,
  bei  Archibald  innerhalb einiger Sekunden ankommen, ich hielt es aber für
  zuviel  des  Guten,  denn  es  häte  darauf  hinweisen  können, daß mir an
  irgend  etwas  liegen  würde.  Es lag mir vielleicht auch etwas daran, ich
  wollte es aber nicht offen zeigen.
       Die  roten Dachpfannen des Hauses des Hasen mischten sich rasch unter
  das  Ocker  und Gelb von den Herbstblättern der Bäume der Umgebung. Und zu
  meinen  Ohren drang eine stimmungsvolle Musik durch. Jemand - oder etwas -
  spielte  und  sang leise "Greensleeves". Eine Melodie, die hervorragend zu
  Ort und Zeit paßte.

       Alas, my love, you do me wrong
       To cast me out discourteously
       And I have loved you so long
       Delighting in your company...

       Auf  dem  Hof  vor  dem  Haus stand ein Tisch, der mit einer sauberen
  decke bedeckt war. Auf dem Tisch standen Teller, Tassen, eine Teekanne und
  eine  Flasche  Whisky  Chivas  Regal.  Hinter dem Tisch saß der Gastgeber,
  Märzhase,  und  seine  Gäste: Hutmacher, der hier fast ständig weilte, und
  Pierre  Dormousse,  der  sich  hier  -  und überall sonst - äußerst selten
  blicken  ließ.  An  der kurzen Seite des Tisches aber saß die dunkelaugige
  Alice  Liddell,  sich mit kindlicher Frechheit im Ratansessel breitmachend
  und  beidhändig  eine  Tasse  haltend.  Sie schien von der Tatsache völlig
  unbeeindruckt  zu  sein,  daß  sie bei der five o'clock whisky and tea von
  einem  Hasen  mit  unordentlichem Schnurrbart, einem Zwerg mit idiotischem
  Zylinderhut,  einem  Stehkragen und einer gesprenkelten Fliege sowie einem
  fetten  Murmeltier , das mit dem Kopf auf dem Tisch schlummerte, begleitet
  wurde.
       Archie der Märzhase erblickte mich zuerst.
       "Schau, wer da kommt", rief er laut und das Timbre seiner Stimme wies
  eindeutig  darauf  hin,  daß in dieser Gesellschaft der Tee ausschließlich
  von Alice getrunken wurde.
       "Wer  kommt  denn da des Weges? Wenn mich meine Augen nicht täuschen!
  Es  wäre,  ich zitiere mal den Propheten Eremiah, das edelste aller Tiere,
  eines, das großartig schreitet und eine erhabene Gangart eigen nennt. "
       "Man  hätte  im  Geheimen  das  siebte  Siegel  öffnen  müssen",  der
  Hutmacher  pflichtete ihm bei, aus der Tasse trank er etwas, das eindeutig
  kein  Tee  gewesen war. "Schaut her, eine blasse Katze, und ihr folgen Tod
  und Abgrund."
       "In  Wahrheit  sage  ich  euch,  ihr seid wie eine lärmende Pauke und
  tönendes Erz ", erklärte ich ohne Aufregung, als ich näher kam.
       "Setze  dich hin, Chester," sagte Märzhase, "und schenke dir ein. Wie
  du  siehst,  haben  wir einen Gast. Der Gast unterhält uns mit Geschichten
  über  seine  Abenteuer,  die  er  seit  der Ankunft in unserem Land erlebt
  hatte.  Ich  wette,  auch  du  wirst  sie  gerne  hören.  Erlaube, daß ich
  vorstelle..."
       "Wir kennen uns schon."
       "Natürlich",  sagte  Alice,  zauberhaft lächelnd. "Wir kennen uns. Er
  war  es,  der  mir den Weg zu euren hübschen Haus gezeigt hat. Das ist die
  Katze aus Cheshire."
       "Was  für  einen  Unsinn hast du dem Kind verzapft, Chester?". Archie
  bewegte mit seinem Schnurrbart.
       "Hast  du  schon  wieder deine Eloquenz zur Schau gestellt, die deine
  Überlegenheit  gegenüber  den  anderen Wesen beweisen sollte? Na, was ist,
  Katze?"
       "Ich  habe  eine  Katze",  sagte völlig aus dem Zusammenhang gerissen
  Alice. "Meine Katze heißt Dina."
       "Du hast es schon erwähnt."
       "Und  diese  Katze",  Alice zeigte unhöflich mit dem Finger auf mich,
  "verschwindet  manchmal,  und zwar so, daß man nur ihr Lächeln sehen kann,
  in der Luft schwebend. Brrr, schrecklich."
       "Hab'  ich's  nicht  gesagt?",  Archie  hob den Kopf und richtete die
  Ohren  auf,  an  dennen immer noch Grashalme und Getreideähren hingen. "Er
  macht sich schon wieder wichtig! Wie immer!"
       "Richtet  nicht",  gab  Pierre  Dormousse  bekannt,  vollständig  bei
  Bewußtsein, aber den Kopf immer noch auf dem Tisch gestützt, "auf, daß ihr
  nicht gerichtet werdet!."
       "Halt die Klappe, Dormousse", Märzhase winkte ab. "Schlafe weiter und
  mische dich nicht ein."
       "Du  aber  fahre  fort, mein Kind", der Hutmacher forderte Alice auf.
  "Wir würden gerne von deinen Abenteuern hören, und die Zeit drängt."
       "Es  drängt  wie  verrückt",  murmelte  ich, ihm in die Augen sehend.
  Archie bemerkte es und schnaubte geringschätzend.
       "Heute  ist  Mittwoch",  sagte  er. "Mab und Les Coeurs spielen ihren
  schwachsinnigen  Crockett. Ich wette, daß sie noch nichts von unserem Gast
  wissen."
       "Du unterschätzt Radetzky."
       "Wir  haben  Zeit,  möchte  ich  noch mal anmerken. Also laßt sie uns
  nutzen. Ein so lustiges Spiel kommt nicht täglich vor."
       "Und was findet ihr dabei so lustig?"
       "Du wirst es sehen. Na, liebe Alice, erzähle. Wir sind ganz Ohr."
       Alice  Liddell  ließ den Blick ihrer dunkelen Augen über uns gleiten,
  als  ob  sie  erwarten  würde,  wir würden tatsächlich zu Ohren oder etwas
  anderem werden.
       "Wo  war ich stehen geblieben?", überlegte sie, als keine Verwandlung
  unsererseits  stattgefunden  hatte.  "Aha, ich weiß schon. Bei den Kuchen.
  Bei denen, die eine Aufschrift trugen: "Esse mich", wunderhübsch aus roten
  Beeren  auf  gelber  Creme  zusammengesetzt.  Ach, wie gut sie schmeckten,
  diese Kuchen! Wirklich zauberhaft gut haben sie geschmeckt! Und zauberhaft
  waren  sie  in  der  Tat.  Als ich ein Stück gegessen hatte, begann ich zu
  wachsen.  Ich  habe  mich erschrocken, ihr versteht ja... Und schnell habe
  ich  den  zweiten  Kuchen  angebissen,  der genauso wohlschmeckend wie der
  Erste war. Dann begann ich zu schrumpfen. Solche Zauber gab es da, ha! Ich
  konnte  mal  größer, mal kleiner werden. Ich konnte schrumpfen, ich konnte
  mich strecken. Ganz nach belieben. Versteht ihr?"
       "Wir  verstehen",  sagte der Hutmacher und rieb sich die Hände. " Na,
  Archie, du bist dran. Wir hören."
       "Die   Sache   ist   klar",   erklärte   der   Märzhase  stolz.  "Die
  Phantasiererei  hat  einen erotischen Hintergrund. Das Aufessen der Kuchen
  ist  ein  Ausdruck  typisch  kindlicher  oralen Faszinationen, die im noch
  schlummernden  Sexualismus  grunden.  Lecken und Schmatzen ohne zu denken,
  ist eine typische Verhaltensweise der Pubertät, auch wenn ich zugeben muß,
  einige  zu kennen, die es bis ins hohe Alter nicht abgelegt haben. Was das
  angeblich  durch  den Genuß der Kuchen verursachte Schrumpfen und Strecken
  angeht, so werde ich vermutlich nicht besonders originell, wenn ich an den
  Mythos  vom  Prokrust  und  Prokrustbett erinnern darf. Es handelt sich um
  das  unterbewußte  Verlangen  nach  Anpassung  ,  nach  der  Teilnahme  am
  Mysterium   der  Einweihung  und  nach  dem  Eintreten  in  die  Welt  der
  Erwachsenen.  Es  gibt  auch  einen  sexuellen  Hintergrund.  Das  Mädchen
  möchte..."
       "Das  ist  also  euer  Spiel",  stellte ich fest. "Psychoanalyse, die
  ergründen  sollte,  wie,  zum  Teufel,  sie hier gelandet ist. Das Problem
  liegt  aber  in  der  Tatsache, daß bei dir, Archie, alles einen sexuellen
  Grund  hat.  Das  ist  übrigens  für Hasen, Kaninchen, Wiesel, Nutrias und
  sonstige  Nagetiere  typisch, bei denen es alles nur um das Eine geht. Ich
  wiederhole meine Frage: Was ist daran so lustig?"
       "Wie  in  jedem  Spiel",  sagte  Hutmacher, "lustig ist das Töten der
  Langeweile."
       "Und  die  Tatsache,  daß  es einem nicht lustig vorkommt, beweist es
  keineswegs,  daß  derjenige ein höheres Wesen ist", knurre Archie. "Grinse
  nicht,  Chester,  dein  Grinsen  beeindruckt hier niemanden. Wann wirst du
  endlich  verstehen,  daß  deine Klugscheißerei niemanden hier dazu bewegen
  kann,  dich als Gottheit anzubeten. Wir sind nicht in Bubastis, sondern im
  Land der..."
       "Zauber?", warf Alice ein, uns mit ihrem Blick umkreisend.
       "Wunder",  verbesserte  Hutmacher.  "Zauberland ist Faoerie. Hier ist
  Wonderland. Land der Wunder."
       "Die Semantik", knurrte Dormousse vom Tisch. Niemand beachtete ihn.
       "Fahre  fort, Alice", drängte Hutmacher. "Was war danach, nach diesen
  Kuchen?"
       "Ich",  das Mädchen erklärte mit dem Henkel spielend, "wollte so sehr
  dieses  Kaninchen  mit  der  weißen  Weste  wiederfinden,  dieses, welches
  Handschuhe  und  eine  Taschenuhr  trug.  Ich  dachte  mir,  wenn  ich  es
  wiederfände,  so finde ich vielleicht zu dem Loch, in das ich reingefallen
  bin... Und ich werde durch dieses Loch zurückkehren können. Nach Hause."
       Wir  alle schwiegen. Diese Stelle bedurfte keinerlei Erklärung. Unter
  uns  gab  es ebenfalls keinen, der nicht wußte, was ein schwarzes Loch ist
  und  was  es  bedeutet  -  ein  Fall,  ein  langes, nicht endend wollendes
  Fallen.  Es  gab  unter  uns keinen, der nicht wüßte, da es in ganzem Land
  niemanden  gibt,  der  nur entfernt an ein weißes Kaninchen erinnerte, das
  Weste, Handschuhe und eine Taschenuhr trug.
       "Ich  ging",  fuhr  Alice  fort, "durch eine blummenreiche Wiese, und
  plötzlich  rutschte  ich  aus,  weil  die ganze Wiese vom Tau naß und sehr
  rutschig  war.  Ich  fiel  hin. Ich weiß selbst nicht, wie, aber plötzlich
  plumpste  ich ins Meer. So dachte ich, weil das Wasser salzig war. Aber es
  war  gar  kein  Meer, wißt ihr? Es war eine riesige Tränenpfütze. Weil ich
  schon  vorher  geweint  hatte,  sehr  geweint...  Weil ich Angst hatte und
  dachte,  daß  ich  nie mehr das Kaninchen und das Loch wiederfinden würde.
  Das  alles  hat mir eine Maus erklärt, die dort herumgeschwommen ist, weil
  auch  sie  dort  zufällig  hineingefallen  ist,  so wie ich. Wir haben uns
  gegenseitig  aus  der Pfütze herausgezogen, das heißt, ein bißchen hat die
  Maus mich rausgezogen und ein bißchen ich sie. Sie war ganz naß, die Arme,
  und sie hatte einen ganz langen Schwanz..."
       Sie verstummte, und Archie sah mich mit Überlegenheit an.
       "Unabhängig  davon,  was  darüber einige Katzen denken", erklärte er,
  dabei  der Allgemeinheit seine zwei gelblichen Zähne zeigend, "der Schwanz
  der  Maus ist ein phallisches Symbol. Damit kann man übrigens die panische
  Angst, die einige Frauen beim Anblick einer Maus ergreift, erklären."
       "Ihr  seid allesamt wahnsinnig", sagte Alice mit Überzeugung. Niemand
  beachtete sie.
       "Und  salziges  Meer", höhnte ich, " welches aus mädchenhaften Tränen
  entstand,  ist  natürlich  nur  der  zum  Weinen zwingende Penisneid, was?
  Archie?"
       "Jawohl!  Darüber  schreiben  Freud  und  Bettelheim.  Besonders  auf
  Bettelheim  sollte  man  sich  hier  berufen, denn er befaßte sich mit der
  Kinderpsyche."
       "Wir   werden   hier  nicht",  Hutmacher  verzog  das  Gesicht,  "den
  Bettelheim  rufen.  Und  Freud soll auch requiestat in pace. Diese Flasche
  paßt  hervorragend  auf  uns  vier, comme il faut, wir brauchen hier keine
  weitere Beteiligung. Erzähl' weiter, Alice."
       "Später...",  Alice  Liddell überlegte. "Später traf ich zufällig den
  Lakaien.  Aber  als  ich  ihn  mir näher angeschaut hatte, stellte es sich
  heraus,  daß es kein Lakai, sondern ein Riesenfrosch war, in Lakaienlivree
  gekleidet."
       "Aha!",  erfreute  sich  Märzhase.  "Da ist also auch ein Frosch! Ein
  feuchter und glitschiger Lurch, der sich erregt aufbläht, wächst und seine
  Ausmaße vergrößert! Wofür steht dieses Symbol? Na für den Penis doch!"
       "Na  klar",  ich  nickte. "Wofür denn sonst? Für dich steht alles für
  den Penis und für den Arsch, Archie."
       "Ihr seid allesamt wahnsinnig", sagte Alice. "Und vulgär."
       "Sicher",  bejahte Dormousse; er hob den Kopf und sah sie verschlafen
  an.  "Jeder  weiß  es. Oh, ist sie immer noch da? Haben sie sie noch nicht
  abgeholt?"
       Hutmacher,  deutlich  beunruhigt,  blickte  sich Richtung Wald um, in
  welchem  Geräusche  durch  Astkrachen und Trampeln zu hören waren. Ich als
  Katze,  hörte  sie schon seit langem, noch bevor sie herannahten. Es waren
  nicht  Les  Coeurs,  es  war  eine Bande Irrlinge, die im Streu nach etwas
  Fressbarem gesucht hatten.
       "Ja,  ja,  Archie",  ich hatte nicht vor, den Hasen zu beruhigen, der
  die  Geräusche  auch gehört hatte und ängstlich die Ohren aufrichtete. "Du
  solltest dich mit der Psychoanalyse etwas beeilen, sonst führt Mab sie für
  dich zu Ende."
       "Möchtest  du sie vielleicht zuende führen?", Märzhase bewegte seinen
  Schnurrbart.  "Du,  als  ein  höheres  Wesen, kennst ja alle in der Psyche
  vorkommenden  Vorgänge  auswendig.  Du  weißt sicherlich, wie es passieren
  konnte,  daß  die  sterbende Tochter des Dekans der Christ Church ohne aus
  der  Lethargie  aufzuwachen  durch  das  Land  irrt, anstatt in Frieden zu
  gehen?"
       "Christ  Church",  ich  bezwang  die  Verwunderung.  "Oxford, welcher
  Jahr?"
       "Achtzehnhundertzweiundsechzig",   brummte  Archie.  "Die  Nacht  vom
  siebten zum achten Juli. Ist das wichtig?"
       "Nicht  wichtig.  Ziehe  Schlüsse aus deiner Ausführung. Denn du hast
  bestimmt schon ein fertiges Fazit?"
       "Selbstverständlich habe ich eins."
       "Ich brenne vor Neugier."
       Hutmacher  schenkte  ein.  Archie  nahm  einen  Schluck, schaute mich
  hochmütig an, räusperte sich und rieb sich die Hände.
       "Wir  haben  es  hier",  begann  er feierlich und erhaben, "mit einem
  typischen  Fall  von  einem Konflikt zwischen id, ego und superego zu tun.
  Wie  meinen  hochgeschätzten  Kollegen  bekannt  ist,  in der menschlicher
  Psychik ist id das, was gefährlich, triebhaft, drohend und unverständlich;
  das,   was   mit  einer  nicht  zu  bremsenden  Tendenz  zu  gedankenloser
  Befriedigung.  Diese gedankenlose Befolgung der Triebe wird von der Person
  -  wie  wir  es  gerade  beobachten  können - ungeschickt mit ausgedachten
  Anweisungen  der  Art,  wie "trinke mich", beziehungsweise "esse mich auf"
  entschuldigt,  was  -  selbstverständlich falsch - die Unterwerfung des id
  der  rationellen  Kontrolle  des  ego vorspielt. Das ego jener Person, das
  sind  eingebläuten  viktorianische  Prinzipien der Wirklichkeit, Realität,
  der  Notwendigkeit der Unterwerfung den Geboten und Verboten. Die Realität
  ist  die  strenge häusliche Erziehung, die strenge, obwohl scheinbar bunte
  Realität   von  "Young  Misses  magazine",  der  einzigen  Lektüre  dieses
  Kindes..."
       "Stimmt  nicht!",  schrie  Alice Liddell. "Ich habe außerdem noch den
  "Robinson Crusoe" gelesen! Und den sir Walter Scott!"
       "Über  all  dem",  der  Hase  kümmerte  sich  nicht  um  die Schreie,
  "versucht es - ohne Ergebnis - das unausgebildete superego jener und - sit
  licentia  verbo  -  hier  gegenwärtigen Person. Und das superego, auch nur
  rudimentär,   entscheidet  über  die  Fähigkeit  zum  Phantasieren.  Daher
  versucht  es, die eintretenden Vorgänge in Visionen und Bilder umzusetzen.
  Vivere cesse, imaginare necesse est, wenn die hochgeschätzten Kollegen die
  Paraphrase erlauben..."
       "Die  hochgeschätzten  Kollegen",  sagte ich, "erlauben sich eher die
  Bemerkung,  daß  die  Ausführung,  obwohl  im Prinzip theoretisch korrekt,
  nichts   erklärt,   und   somit   ein  klassisches  Beispiel  akademischen
  Geschwafels ist."
       "Sei   nicht   beleidigt,   Archie",   unerwartet  unterstützte  mich
  Hutmacher, "aber Chester hat Recht. Weiterhin wissen wir nicht, auf welche
  Weise Alice hier gelandet ist."
       "Dann  seid  ihr Dummköpfe!", Der Hase fuchtelte mit den Armen. "Sag'
  ich  doch!  Die vom Erotismus überfüllte Phantasie trug sie hierher.! Ihre
  Ängste! Von irgendwelchen Drogen aufgeweckte geheime Träume..."
       Er  brach  ab,  auf  etwas  starrend,  was  sich hinter meinem Rücken
  befand.  Jetzt  hörte  auch ich das Rauschen des Feder. Ich hätte es schon
  früher gehört, würde er nicht so labern.
       Auf  dem  Tisch,  genau  zwischen  der  Flasche und der Kanne landete
  Edgar.  Edgar ist ein Rabe. Edgar fliegt viel und redet wenig. Daher dient
  er  im  Land  hauptsächlich  als  Bote. So war es diesmal auch, denn Edgar
  hielt  im  Schnabel einen größeren Umschlag , der mit den durch eine Krone
  geteilten Initialen MR verziert war.
       "Verdammte  Bande",  flüsterte Hutmacher. "Verdammte effektheischende
  Bande."
       "Ist  das für mich?", wunderte sich Alice. Edgar nickte mit dem Kopf,
  dem Schnabel und dem Brief.
       Sie  nahm  den  Umschlag, aber Archie riß rücksichtslos das Brief aus
  der Hand und brach das Siegel.
       "Ihre  Königliche  Hochheit  Mab  etc.  etc.",  las  er ab, "lädt zur
  Teilnahme an einer Partie Crockett, deren Termin..."
       Er schaute uns an.
       "Heute."  Er bewegte seinen Schnurrbart. "Also haben sie es erfahren.
  Die verdammte Fledermaus hat es ausgeplaudert und sie haben es erfahren."
       "Wundervoll!"  Alice  Liddell  klatschte  in  die Hände. "Eine Partie
  Crockett!  Mit der Königin! Darf ich schon vorausgehen? Es wäre unhöflich,
  sich zu verspäten."
       Hutmacher  räusperte  sich laut. Archie drehte den Brief in der Hand.
  Dormousse schnarchte auf. Edgar schwieg und pflüsterte seine Federn.
       "Halte sie hier so lange fest, wie es nur möglich ist", entschloß ich
  mich plötzlich und stand auf. "Ich komme gleich zurück."
       "Sei  nicht  albern,  Chester",  brummte  Archie.  "Du  wirst  nichts
  ausrichten,  auch  wenn  du  es  bis  dorthin  schaffen  würdest,  was ich
  bezweifle.  Es  ist  schon  zu  spät. Mab weiß schon von ihr, sie läßt sie
  nicht gehen. Du wirst sie nicht retten. Es gibt keine Möglichkeit."
       "Wollen wir wetten?"

                                    * * *

       Der  Wind der Zeit und des Raumes rauschte immer noch in meinen Ohren
  und  richtete mir das Fell auf; und die Erde, auf der ich stand, wollte um
  nichts  in  der  Welt  aufhören  zu  zittern.  Die  harteRealität  und das
  Gleichgewicht  verdrängten  schnell  und  konsequent den horror vacui, der
  mich die letzten paar Augenblicke begleitet hatte. Das Unwohlsein verging,
  wenn  auch  unwillig;  die  Augen gewöhnten sich wieder an die euklidische
  Geometrie.
       Ich schaute mich um.
       Der  Garten,  in  dem  ich gelandet war, war wahrhaftig englisch, das
  heißt verdammt verwachsen und voller Sträucher. Irgendwo von links roch es
  leicht nach Sumpf und man konnte vereinzeltes Quacken hören, so schloß ich
  auf  die  Anwesenheit eines Teiches. Etwas weiter blitzelten Lichter einer
  von Efeu bedeckten Fassade eines nicht zu großen Hauses.
       Im  Prinzip  war  ich mir meiner Sache sicher, das heißt, daß ich den
  richtigen  Ort und die richtige Zeit getroffen hatte. Aber ich wollte mich
  vergewissern.
       "Ist hier jemand da, zum Teufel?" fragte ich ungeduldig.
       Ich  wartete  nicht  lange. Aus der Dunkelheit tauchte ein fuchsroter
  und  getiegerter  Kerl auf. Er sah nicht wie der Besitzer des Gartens aus,
  obwohl er es kramphaft versuchte. Er war kein Dummkopf, in der Kinderstube
  hat  man ihm auch einige Manieren und etwas savoir vivre beigebracht, denn
  als er mich gesehen hatte, grüßte er höflich, indem er sich setzte und die
  Pfoten  mit  dem Schwanz umwickelte. Ha, ich würde gerne jemanden von euch
  Menschen  sehen,  ob ihr auch so ruhig auf das Erscheinen eines Wesens aus
  eurer Mythologie reagiert. Mythologie und Demonologie.
       "Mit wem habe ich das Vergnügen?", fragte ich kurz und brüsk.
       "Russet Fitz-Rourke der Dritte, Your Grace."
       "Das  da",  mit einer Ohrbewegung zeigte ich auf das, was ich meinte.
  "England, selbstverständlich?"
       "Selbstverständlich."
       "Oxford?"
       "In der Tat."
       Ich  traf  sie  also. Die Ente, die ich hörte, schwamm gewiß nicht im
  Teich,  sondern in der Themse oder Cherwell. Und der Turm, den ich bei der
  Landung  gesehen  hatte,  war  der  Carfax Tower. Das Problem war nur, daß
  Carfax Tower bei meinem letzten Besuch in Oxford genauso ausgesehen hatte,
  und  das war 1645, kurz vor der Schlacht bei Naseby. Ich gab König Charles
  den Rat alles hinzuschmeissen und nach Frankreich zu fliehen.
       "Wer regiert im Augenblick in England?"
       "In England der Merlin von Glastonbury. In Schottland..."
       "Ich frage nicht nach Katzen, du Idiot."
       "Entschuldigung, Eure Liebe. Die Königin Viktoria."
       Gut  so.  Obwohl,  andrerseits,  das  Weib hatte vierundsechzig Jahre
  regiert, 1837-1901. Es bestand immer die Möglichkeit, daß ich mich um eine
  Kleinigkeit  nach  Vorne  oder  nach  Hinten verschoß. Ich hätte natürlich
  den Roten direkt nach dem Datum fragen, aber es wäre unschicklich, wie ihr
  verstehen  werdet.  Er  könnte  denken, ich sei nicht allwissend. Und, wie
  sagt man? Prestige über alles!
       "Wem gehört dieses Haus?"
       "Venera Whiteblack...", begann er, verbesserte sich aber sofort. "Das
  heißt, der menschliche Eigentümer ist Herr Dekan George Liddell."
       "Irgendwelche  Kinder?  Ich  frage  nicht  nach  Kindern  von  Venera
  Whiteblack, sondern nach den des Dekan Liddell."
       "Drei Töchter."
       "Welche heißt mit Vornamen Alice?"
       "Die Mittlere."
       Ich atmete auf. Der Rote atmete auch auf. Er war überzeugt, ich würde
  ihn nicht ausfragen, sondern examinieren.
       "Ich bin ihnen zutiefst verbunden, sir Russet. Eine gelungene Jagd."
       "Danke, Your Grace."
       Er erwiderte meinen Glückwunsch nach gelungener Jagd nicht. Er kannte
  die  Legenden.  Er  wußte,  welche Art Jagd mein Erscheinen in seiner Welt
  bedeuten kann.

                                    * * *

       Ich  ging  durch  die  Mauer,  durch  die  mit buntgemusterter Tapete
  beklebten  Wände,  durch Stück, durch Möbel. Ich ging durch den Geruch von
  Staub,  Arzneien,  Äpfeln,  Sherry,  Tabak  und  Lavendel.  Ich ging durch
  Stimmen,   Flüstern,   Seufzer   und   Schluchzen.   Ich  überschritt  den
  beleuchteten  living  room,  in  dem  der Dekan Liddell und seine Frau mit
  einem  schlanken,  gebeugten,  dunkelhaarigen Mann mit üppiger Frisur sich
  leise  unterhielten.  Ich  fand  die Treppe. Ich ging an zwei Kinderzimmer
  vorbei,  aus denen der Hauch von jungem gesunden Schlaf drang. Und bei dem
  dritten Kinderzimmer lief ich auf eine Wachende auf.
       "Ich  komme  in  Frieden",  sagte ich schnell, vor warnendem Fauchen,
  Zähnen, Klauen und Wut zurückweichend. "In Frieden!"
       Die  auf  der  Schwelle liegende Venera Whiteblack legte die Ohren an
  und  bedachte  mich  mit  der nächsten Haßwelle, wonach sie die klassische
  Kampfstellung einnahm.
       "Zügle dich, Katze!"
       "Apage!", fauchte sie, ohne ihre Stellung zu ändern. "Weg! Kein Dämon
  wird die Schwelle überschreiten, auf der ich liege!"
       "Auch der nicht", ich wurde etwas ungeduldig, "der dich Dina nennt?"
       Sie zitterte kurz.
       "Geh'  mir  aus dem Weg", wiederholte ich. "Dina, die Katze von Alice
  Liddell."
       "Eure Liebe?", sie schaute mich unsicher an. "Hier?"
       "Ich  möchte  rein. Geh' von der Schwelle. Nein, geh' nicht weg. Komm
  mit mir herein."
       Im Zimmer, in Übereinstimmung mit den Bräuchen der Epoche, standen so
  viele Möbel, wie nur hierein reinpaßten. Auch hier waren die Wände mit der
  Tapete  mit  dem  grauenhaften Blumenmuster beklebt. Über der Kommode hing
  eine  schlecht  gelungene  Graphik,  die, sollte man der Signatur glauben,
  eine  gewisse Mrs. West in der Rolle der Desdemone darstellte. Und auf dem
  Bett  lag Alice Liddell, bewußtlos, verschwitzt und blaß wie ein Gespenst.
  Sie  sprach  in Delirium so wirr, daß ich in der Luft vor ihr geradezu die
  roten  Dachpfannen  des  Hauses  vom  Hasen  sah  und "Greensleeves" hören
  könnte.
       "Sie  veranstalteten  eine  Bootsfahrt  auf  der  Themse,  sie,  ihre
  Schwester und ein Herr Charles Lutwidge Dodgson", Venera griff meine Frage
  voraus.  "Alice fiel ins Wasser, erkältete sich und bekam Fieber. Der Arzt
  war  schon  da,  man  hat  sie  auch mit Medikamenten aus der Hausapotheke
  behandelt.  Durch  Unachtsamkeit  mischte  sich  unter  die  Arzneien eine
  Flasche  mit  Laudanum und sie trank sie aus. Seit diesem Vorfall befindet
  sie sich in diesem Zustand."
       Ich dachte nach.
       "Ist  das  dieser unverantwortliche Charles, der mit der Frisur eines
  Klavierviruosen,  der  mit  Dekan Liddell spricht? Als ich durch den Salon
  ging, spürte ich seine Gedanken. Schuldgefühle."
       "Ja,  genau  der.  Ein Freund des Hauses. Er unterrichtet Mathematik,
  aber  sonst  ist  er auszuhalten. Und ich würde ihn nicht unverantwortlich
  nennen.  Es  war  nicht seine Schuld, dort in dem Boot. Ein Unfall, wie er
  jedem passieren könnte."
       "Hält er sich öfter in der Gegend von Alice auf?"
       "Öfter. Sie mag ihn. Er mag sie. Wenn er sie ansieht, schnurrt er. Er
  denkt  sich  etwas  aus  und  erzählt  ihr  dann verschiedene unglaubliche
  Geschichten. Sie liebt sie über alles."
       "Aha".  Ich bewegte die Ohren. "Unglaubliche Geschichten. Phantasien.
  Und  Laudanum.  So, dann sind wir zu Hause, pun not intended. Sei es drum.
  Laß  uns  an  das Mädchen denken. Es ist mein Wunsch, daß sie gesund wird.
  Und zwar ein dringender Wunsch."
       Die  Katze  kniff  ihre  goldenen  Augen  zusammen  und  stellte  die
  Schnurrbarthaare  auf,  was  bei  uns  Katzen  ein  grenzenloses Erstaunen
  bedeutet.  Sie  beherrschte sich jedoch schnell. Und sie sagte nichts. Sie
  wußte, daß eine Frage nach Motiven eine ungeheuerliche Taktlosigkeit wäre.
  Sie  wußte  auch, daß ich eine solche Frage nicht beantworten würde. Keine
  Katze  würde jemals so eine Frage beantworten. Wir tun, was wir wollen und
  wir pflegen, uns nicht zu entschuldigen.
       "Mein  Wunsch  ist  es",  ich  wiederholte es mit Nachdruck, "daß die
  Krankheit das Fräulein Alice Liddell verläßt."
       Venera setzte sich, kniff die Augen zu, bewegte ihr Ohr.
       "Es  ist  dein Privileg, o Prinz", sagte sie sanft. " Ich... Ich kann
  mich nur bedanken... für die Ehre. Ich liebe das Kind."
       "Es war keine Ehre. Also danke nicht, sondern gehe an die Arbeit."
       "Ich?" Sie sprang fast auf vor Überraschung. "Ich soll sie heilen? Es
  ist  normalen  Katzen  doch verboten! Ich dachte, daß Eure Hochheit selbst
  die Güte haben werden... Übrigens, ich könnte nicht..."
       "Zum  Ersten,  es  gibt  keine  normalen Katzen. Zum Zweiten darf ich
  jedes  Verbot  brechen.  Hiermit  habe  ich  eins  gebrochen.  Geh' an die
  Arbeit."
       "Aber..."  Venera  ließ  mich nicht aus den Augen, in denen plötzlich
  sich   Angst   ausdrckte.  "  Doch...  Wenn  ich  die  Krankheit  aus  ihr
  rausschnurre, dann muß ich..."
       "Ja", ich bestätigte beiläufig. "Du wirst an ihrer Stelle sterben."
       Du  liebst das Mädchen angeblich, dachte ich. Beweise es. Du dächtest
  vielleicht,  es reicht aus, auf den Knien zu liegen, zu schnurren und sich
  streicheln   zu   lassen?   Die  Ansichten  festigen,  wonach  die  Katzen
  grundfalsch seien, daß sie ausschließlich am Ort und nicht an den Menschen
  hängen?
       Selbstverständlich   war   es   unter  meiner  Würde,  Venera  solche
  Banalitäten  zu  erzählen.  Und gänzlich überflüssig. Hinter mir stand die
  Macht   der  Autorität.  Der  einzigen  Autorität,  die  von  einer  Katze
  akzeptiert  wird. Venera miaute leise, sprang auf Alices Brust, begann die
  Decke  mit  den  Pfoten zu drücken. Ich konnte leises Knistern der Krallen
  hören,  die  im  Adamaststoff  hängenblieben.  Als  die Katze die richtige
  Stelle  aufgespürt hatte, legte sie sich hin und begann laut zu schnurren.
  Trotz  des eindeutigen Mangels an Übung machte sie die Sache hervorragend.
  Ich  könnte geradezu spüren, wie sie mit jedem Schnurr aus der Kranken das
  aussog, was entfernt werden sollte.
       Ich  störte  sie  natürlich  nicht.  Ich  wachte  an der Tür, auf daß
  niemand störte. Wie sich herausstellte, zu recht.
       Die  Tür öffnete sich leise und in das Zimmer trat der besagte blasse
  Brünett,  Charles  Ludwig, oder Ludwig Charles, ich weiß es nicht mehr. Er
  kam mit gesenktem Kopf, reumütig und von Trauer und Schuld erfüllt. Er sah
  sofort  Venera  Whiteblack  auf  Alices  Brust  und  befand,  daß es jetzt
  jemanden gibt, auf den man die Schuld abwerfen kann.
       "Heda!,  Kkkk...  Katze",  er  stotterte.  "Hatschi!  Gehe  vom Bett,
  sooo... sofort!"
       Er  trat  zwei Schritte, schaute in Richtung des Sessels, auf dem ich
  lag.  Und  bemerkte mich - oder vielleicht nicht direkt mich, sondern mein
  Grinsen,  in  der Luft aufgehängt. Ich weiß nicht, wie er das könnte, aber
  er  sah  es.  Und wurde blaß. Er schüttelte den Kopf. Er beleckte sich die
  Lippen. Und dann streckte er die Hand nach mir.
       "Berühre  mich",  sagte ich so süß, wie ich nur konnte. "Berühre mich
  nur,  du  Grobian,  und  du  wirst  den Rest des Lebens die Nase mit einer
  Prothese putzen."
       "Wer bist ddddd... ", er stotterte, "du?"
       "Mein  Name  ist  Legion",  antwortete ich gleichgültig. "Für Freunde
  Malingus,  princeps  potestatis  aeris.  Ich  bin  einer  von  denen,  die
  ausschauhaltend  kreisen,  quaerens quem devoret. Zu eurem Glück sind das,
  was wir auffressen wollen, in der Regel Mäuse. Aber an deiner Stelle würde
  ich keine voreiligen und zu weit gehenden Schlüsse ziehen."
       "Das  ist nnnn...", er stotterte diesmal so heftig, daß ihm die Augen
  fast aus den Höhlen traten. "Das ist nnniii..."
       "Möglich,  doch,  möglich",  versicherte  ich  ,  immer noch weiß und
  scharf  lächelnd.  "Bleibe  dort, wo du stehst. Begrenze deine Aktivitäten
  auf  ein  Minimum  und ich werde es bei deiner Gesundheit belassen. Parole
  d'honneur.  Hast  du  verstanden,  was ich gesagt habe, du Zweibeiner? Das
  Einzige,  das  du bewegen darfst, sind deine Augenlieder und Augäpfel. Ich
  erlaube Dir ebenfalls, vorsichtig ein- und auszuatmen."
       "Aber..."
       "Zu  reden erlaubte ich nicht. Schweige und bewege dich nicht, als ob
  dein  Leben  davon  hängen  würde.  Denn  das  tut  es  auch,  so am Rande
  vermerkt."
       Er  hatte  es  begriffen.  Er  stand, schwitzte, betrachtete mich und
  dachte  fieberhaft  nach.  Er hatte sehr verschlungene Gedanken. Ich hätte
  solche  Gedanken  bei  einem Mathematikprofessor nicht erwartet. Zu dieser
  Zeit  tat  Venera  Whiteblack  ihre  Arbeit und die Luft vibrierte von der
  Magie  ihres  Schnurrens.  Alice  bewegte  sich,  stöhnte  kurz. Die Katze
  beruhigte  sie,  in  dem  sie  ihr die Pfote leicht auf das Gesicht legte.
  Charles Lutwidge Dodgson - sein Name kam mir wieder in den Sinn - zitterte
  bei diesem Anblick.
       "Ruhig",  sagte ich unerwartet sanft. "Hier wird geheilt. Das ist die
  Therapie. Sei geduldig."
       Er schaute mich einen Augenblick lang an.
       "Du  bbist  mmm...  meine eigene Phantasie", murmelte er schließlich.
  "Es hat keinen Sinn, mit dddd... dir zu sprechen."
       "Du hast es mir aus dem Munde genommen."
       "Das",  er  wies  mit  leichten Kopfbewegung auf das Bett . "Das soll
  Tttt... Therapie sein? Katzentherapie?"
       "Du hast es erraten."
       "Though  this  be  madness", stammelte er, erstaunlicherweise ohne zu
  Stottern, "yet there is method in't."
       "Dies hast du mir auch aus dem Mund genommen."
       Wir warteten. Endlich hörte Venera Whiteblack auf zu schnurren, legte
  sich  auf  die  Seite,  gähnte  und  kämmte  ihr Fell ein paar Mal mit der
  rosigen Zunge.
       "Ich  glaube,  es  ist soweit", erklärte sie unsicher. "Ich zog alles
  aus  ihr  heraus.  Das  Gift, die Krankheit und das Fieber. Sie hatte noch
  etwas  im Knochenmark, ich wußte nicht, was es war. Zur Sicherheit zog ich
  es auch heraus."
       "Bravo, My Lady."
       "Your Grace?"
       "Bitte?"
       "Ich lebe immer noch."
       "Du  hast doch nicht geglaubt", ich lächelte überlegen, "daß ich dich
  sterben lasse?"
       Die Katze kniff , stumm dankend, die Augen. Charles Lutwidge Dodgson,
  der  seit  längerer Zeit unsere Handlungen verfolgte, räusperte sich laut.
  Ich schaute ihn an
       "Sprich", erlaubte ich großzügig. "Nur stottere bitte nicht."
       "Ich  weiß  nicht, was für ein Ritual hier veranstaltet wird", begann
  er leise. "Aber es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde..."
       "Fahre mit den Dingen fort."
       "Alice ist noch immer bewußtlos."
       Hm. Er hatte recht. Es sah so aus, als ob die Operation geglückt war.
  Aber  ausschließlich  den  Ärzten.  Medice, cura te ipsum, dachte ich. Ich
  zögerte  noch,  zu  reden,  fühlte  den  fragenden Blick der Katze und den
  unruhigen   Blick   des   Mathematikers   auf   mir.  Ich  überdachte  die
  verschiedenen  Möglichkeiten.  Eine  von  ihnen  war, mit den Schultern zu
  zucken  und  wegzugehen.  Aber ich hatte mich zu sehr in dieser Geschichte
  engagiert;  ich konnte mich jetzt nicht mehr zurückziehen. Die Flasche, um
  die ich mit dem Hasen gewettet hatte war das Eine, aber Prestige...
       Ich dachte intensiv nach. Und dabei hatte man mich gestört.
       Charles  Lutwidge  sprang  plötzlich  auf  , Venera Whiteblack zuckte
  zusammen   und   hob   den   Kopf.   Auf  dem  verschlungenen  Muster  der
  viktorianischen Tapete tanzte ein schnellbeweglicher Schatten auf.
       "Haa-haa!",  piepste  der  Schatten, um den Leuchter kreisend. "Haben
  denn nicht die Kätzchen auf die Fledermäuse ein Böckchen?"
       Venera  legte  die Ohren an, zischte, machte einen Buckel und fauchte
  wütend. Radetzky ließ sich vorsichtigerweise vom Lampenschirm hängen.
       "Chester!",  rief  er  aus  der Höhe, einen Flügel streckend. "Archie
  ließ  mich  dir wiederholen, daß du dich beeilen sollst! Es sieht schlecht
  aus! Les Coeurs haben das Mädchen mitgenommen! Beeile dich, Chester!"
       Ich  fluchte  äußerst  vulgär,  aber  in Ägyptisch, so daß niemand es
  verstand.  Ich  warf  einen Blick auf Alice. Sie atmete ruhiger; auf ihren
  Wangen  entdeckte  ich  den  Anschein einer Röte. Aber, verdammt noch mal,
  sie war immer noch bewußtlos.
       "Sie  träumt  noch  immer", Charles Lutwidge Dodgson teilte uns seine
  epochale  Entdeckung  mit. "Und ich befürchte, was noch schlimmer ist, daß
  es nicht ihr eigener Traum sei."
       "Das befürchte ich auch." Ich schaute ihm in die Augen. " Es ist aber
  nicht die richtige Zeit für theoretische Abhandlungen. Man muß sie aus der
  Maligna herausreißen, bevor es zu unwiderruflichen Folgen kommt. Radetzky?
  Wo ist das Mädchen im Augenblick?"
       "Auf   Wonderland   Meadows!",  krächzte  die  Fledermaus.  "Auf  dem
  Crockettplatz! Mit Mab und Les Coeurs!"
       "Wir fliegen."
       "Fliegt", Venera Whiteblack fuhr die Krallen aus. "Und ich werde hier
  wachen."
       "Moment",  Charles  Lutwidge  rieb  sich die Stirn. "Ich verstehe das
  alles  nicht... Ich weiß nicht, wohin und wofür ihr fliegen wollt, aber...
  Man  kommt  ohne  mich  nicht aus... Ausgerechnet ich muß mir das Ende der
  Geschichte ausdenken. Um das zu tun... By Jove! Ich muß mit euch gehen."
       "Machst  du  Scherze?",  prüstete  ich.  "Du  weißt  nicht,  wovon du
  sprichst."
       "Ich weiß es doch. Es ist meine eigene Phantasie."
       "Nicht mehr."

                                    * * *

       Auf dem Rückweg war der horror vacui noch schlimmer. Weil ich in Eile
  war.  Es passiert, daß bei solchen Reisen die Eile manchmal tödlich wirkt.
  Ein  kleiner Irrtum in den Berechnungen und man landet in Florenz im Jahre
  1348,  während  der  Epidemie  des  Schwarzen Todes. Oder in Paris, in der
  Nacht vom zweiundzwanzigsten auf dreiundzwanzigsten August 1572.
       Aber ich hatte Glück. Ich landete dorthin, wo ich wollte.

                                    * * *

       Hutmacher  irrte  sich  nicht und er übertrieb auch nicht, als er den
  Haufen  "die  Bande  der Effekthascher" nannte. Sie taten alles mit Effekt
  und für den Effekt. Immer. Diesmal war es auch so.
       Die  Grasfläche  zwischen den Akatienbäumen versuchte ungeschickt den
  Eindruck  eines  Crockettplatzes  schinden;  um die Wirkung zu verstärken,
  hatte   man   sogar  einige  halbrunde  Tore,  im  Spielerjargon  "arches"
  genannt,  aufgestellt.  Les  Coeurs  - etwa zehn an der Zahl - hielten die
  Requisiten  in  den  Händen: die Hammer, also "mallets"; auf dem Rasen lag
  etwas  herum,  das  die Bälle darstellen sollte, aber wie zusammengerollte
  Igel   aussah.  Die  erste  Geige  in  der  Bande  spielte  natürlich  die
  flamenhaarige   Mab,  mit  karminrotem  Samtkleid  und  schrillen  Schmuck
  bekleidet.  Mit  erhobener  Stimme  und  herrischen  Gesten zeigte sie den
  Coeurs  ihre  Plätze.  Mit  einer Hand berührte sie die Schulter von Alice
  Liddell.  Das  Mädchen  betrachtete die Königin und die Vorbereitungen mit
  wachem  Interesse und glühenden Wangen. Offensichtlich verstand sie nicht,
  daß  hier  kein  Spiel,  sondern  eine  sadistische  und  effektheischende
  Hinrichtung vorbereitet wurde.
       Mein  unerwartetes  Erscheinen  brachte  -  wie  immer - eine leichte
  Bewegung  und  Raunen  unter  der Reihen der Coeurs, welche jedoch von Mab
  schnell beherrscht wurde.
       "Bedaure,  Chester",  sagte sie kühl, die Rüschen auf Alices Schulter
  mit  der  beringten  Fingern durchknetend. "Ich bedaure zutiefst, aber wir
  haben  schon  eine vollständige Mannschaft. Unter anderem aus diesem Grund
  hat man dir keine Einladung geschickt."
       "Macht  nichts",  ich  gähnte  und  demonstrierte  dabei  alle  meine
  Schneide-,  Stoß-, Mahl- und Backenzähne, insgesamt einen ganzen Haufen an
  Dentin  und  Zahnschmelz.  "Macht  nichts, Eure Hochheit, ich wäre sowieso
  gezwungen gewesen, abzusagen. Ich stehe nicht auf Crockett, ich mag andere
  Spiele  lieber.  Was  aber  die vollständige Mannschaft betrifft, so hoffe
  ich, daß ihr auch Reservespieler auf Lager habt?"
       "Was  kann  dich", Mab kniff die Augen zu, "das denn angehen, was wir
  haben und was nicht?"
       "Ich  bin  gezwungen,  das  Fräulein  Liddell von hier abzuholen. Ich
  hoffe, daß ich euch damit den Spaß nicht verderbe."
       "Aha",  Mab  revanchierte sich mit der Demonstration ihrer Zähne, die
  ungeschickt  ein  Lächeln imitierte. "Aha. Ich verstehe. Erkläre mir aber,
  warum  unsere  ewigen Streitereien um die Hegemonie immer ins gegenseitige
  Wegnehmen  der  Spielzeuge  ausarten?  Müssen  wir uns denn wie die Kinder
  aufführen?  Könnten  wir  denn  nicht  Zeit  und  Ort  festlegen  und  das
  erledigen, was zu erledigen ist? Würdest du mir das erklären, Chester?"
       "Mab", antwortete ich. "Wenn du diskutieren möchtest, dann setze Zeit
  und  Ort  fest.  Mit  angemessener Vorlaufzeit. Heute bin ich nicht in der
  Stimmung  zum  Diskutieren.  Außerdem  warten  die Spieler. Ich nehme also
  Miss Liddell mit mir und verschwinde, um mich nicht aufzudrängen."
       "Wozu, zum Kuckuck", Mab verfiel in ein schreckliches Argot, wenn sie
  verärgert  war,  "und  zum  welchen  Schwanz  brauchst  du  das  Mädel, du
  verdammter  Kater?  Warum  liegt  dir soviel an ihr? Oder geht es hier gar
  nicht um das Kind? Antworte mir!"
       "Ich  sagte  schon, ich habe keine Lust zum Diskutieren. Das schließt
  die Beantwortung der Fragen ein. Komm zu mir, Alice."
       "Wage  es ja nicht, dich zu bewegen, du Göre", Mab drückte die Finger
  auf  der  Schulter  von  Alice  kräftig  zusammen,  so daß das Gesicht des
  Mädchens  sich  vor  Schmerz  verzog  und  grau  wurde. Vom Ausdruck ihrer
  dunklen  Augen  entnahm  ich, daß sie langsam zu verstehen begann, welches
  Spiel hier gespielt wurde.
       "Eure  Hochheit",  ich  sah  mich um und stellte fest, daß die Coeurs
  mich  langsam umzingelten, "beliebt ihre entzückende Hand von der Schulter
  dieses  Kindes  wegzunehmen. Unverzüglich. Eure Hochheit möge ebenso gütig
  ihre  Helfershelfer  anweisen,  sich  auf  die  vom  Protokoll vorgesehene
  Entfernung zurückzuziehen."
       "Wirklich?",  Mab  zeigte weitere Zähne. "Und wenn ich nicht beliebe,
  was dann, wenn man wissen darf?"
       "Man  darf.  Dann,  du rotkopfige Schlange, werde ich mich auch nicht
  protokollgerecht  verhalten.  Ich werde eure ganze beschissene Bande etwas
  bluten lassen."
       Und  hiermit  war  die  Unterhaltung  zu Ende. Les Coeurs fielen ganz
  gewöhnlich über mich her, ohne das Verklingen des Schreies von Mab und das
  Ende  ihrer  herrischen Geste abzuwarten. Sie stürzten sich auf mich alle,
  wieviele auch da waren. Auf einem Haufen.
       Aber   ich   war   vorbereitet.   Fetzen   flogen   von   ihren   mit
  Spielkartensymbolen  beschmückten  Jacken. Fetzen flogen von ihnen selbst.
  Fetzen  flogen  auch  von mir, aber bedeutend weniger. Ich wälzte mich auf
  den Rücken. Es verminderte zwar etwas meine Beweglichkeit, aber ich konnte
  sie auch mit Hilfe der Hinterpfoten häckseln. Die Anstrengung trug langsam
  Früchte  -  einige  der  Les  Coeurs, kräftig von meinen Zähnen und Kralen
  bezeichnet, tratten den schmachvollen Rückzug an, ohne auf die Schreie der
  Mab zu achten, die mit vulgären Worten befahl, was mir herauszureißen sei.
       "Wer  beachtet  euch  denn  überhaupt?",  schrie Alice plötzlich auf,
  womit  sie  zu  dem allgemeinen Tohuwabohu eine ganz neue Note hinzufügte.
  "Ihr seid ein Kartenspiel! Nur ein Kartenspiel!"
       "So?", heulte Mab, sie dabei heftig schüttelnd. "Was du nicht sagst?"
       Einer der Coeurs, ein kraushaariger Jüngling mit dem Kreuzzeichen auf
  der   Brust,   faßte   mich   beidhändig   am  Schwanz.  Ich  kann  solche
  Vertraulichkeiten  nicht  ausstehen,  so riß ich ihm den Kopf ab. Aber die
  anderen  saßen  schon  auf  mir  und machen von Fäusten, Schuhabsätzen und
  Crockettschlägern  Gebrauch,  kräftig dabei schnaubend. Verdammt verbissen
  waren sie dabei. Aber ich war auch verbissen. Nach kurzer Zeit wurde es um
  mich  herum etwas freier. Ich konnte vom Stellungskrieg zum Bewegungskrieg
  überwechseln.  Die  Grasnarbe  war  schon teuflisch rot und ebensteuflisch
  rutschig.
       Alice  trat  Mab  aus  allen  Kräften ins Schienbein. Ihre Königliche
  Hochheit  fluchte  unflätig  und  schlug  sie schwungvoll ins Gesicht. Das
  Mädchen  fiel  hin,  auf  einem  der  Coeurs landend, der gerade versuchte
  aufzustehen. Bevor er Alice abwerfen konnte, kratzte ich ihm ein Auge aus.
  Dem,  der  versuchte  zu  stören,  kratzte ich beide aus. Die zwei Übrigen
  nahmen die Beine in die Hände und ich konnte aufstehen.
       "Na,  liebe Queen of Hearts? Reicht es für heute?", stieß ich hervor,
  das  Blut  von  der  Nase  und  Schnurrbart  ableckend.  "Bringen  wir  es
  vielleicht  später  zuende,  nachdem  wir  die  Zeit  und  den  Ort früher
  vereinbart haben?"
       Mab  bot  mir  eine  Schimpfkannonade  an,  in  der  die  Bezeichnung
  "getigerter  Hurensohn"  zu den sanftesten, aber auch zu den am häufigsten
  wiederholten  Ausdrücken  gehörte. Offensichtlich hatte sie nicht vor, den
  Konflikt  zu  vertagen.  Einige  der  Les  Coeurs erholten sich vom ersten
  Schock  und  bereiteten  sich  auf den zweiten Angriff. Aber ich war schon
  etwas  müde  und  ohne  jeden Zweifel hatte ich eine gebrochene Rippe. Ich
  stellte mich vor Alice.
       Mab  schrie triumphal auf. Die Akatienbüschen traten zu Seite wie das
  Schwarze  Meer.  Ein  Fahntierbär  lief  von  da  im  Schweinsgalopp,  von
  schrillen  Schreien  der  Les  Coeurs angefeuert. Genauergenommen, ein gut
  gewachsenes   Stück   von  einem  Fahntierbär.  Von  einem  bissfährlichen
  Fahntierbär.
       "Ich  lasse  aus  dir  eine  Mütze  nähen, Chester!", schrie Mab, dem
  Fahntierbär  zeigend, auf wen er sich zu stürzen habe. "Falls von dir noch
  genug Fell für eine Mütze übrigbleibt!"
       Ich  bin eine Katze. Ich habe neun Leben. Ich weiß aber nicht, ob ich
  euch schon erzählt hatte, daß ich acht schon verbraucht hatte.
       "Laufe weg, Alice!", knurrte ich. "Lauf!"
       Aber  Alice  Liddell,  von  der Angst gelähmt, rührte sich nicht. Das
  wunderte mich auch nicht.
       Fahntierbär  schnarrte  mit  den Klauen im Gras, als ob er vor hätte,
  eine  U-Bahn-Station  oder einen Mont-Blanc-Tunnel auszuheben. Er richtete
  sein  schwarz-rotes  Fell auf, wodurch er zweimal so groß erschien, obwohl
  er  auch  so  groß  genug  war.  Die Muskel unter seiner Haut spielten die
  Neunte Symphonie, seine Augen brannten wie ein Höllenfeuer. Er öffnete den
  Rachen  in einer Weise, die mir sehr schmeichelte. Und er stürzte sich auf
  mich.
       Ich verteidigte mich verbissen. Ich gab alles. Aber er war größer und
  verflixt  kräftig.  Bevor  ich  ihn  abwerfen  konnte,  hatte  er mir eine
  Abreibung verpaßt, die sich gewaschen hatte.
       Ich  konnte mich gerade noch auf den Beinen halten. Das Blut goß sich
  über meine Augen und erstarrte an den Seiten; die scharfe Spitze einer der
  zahlreich  gebrochenen  Rippen  suchte  beharrlich  nach  etwas  in meiner
  rechten  Lunge.  Alice brüllte so, daß es in den Ohren sauste. Fahntierbär
  rieb  sich  schwungvoll  die Eier am Gras sauber, bewegte die Reste seiner
  Ohren, schaute mich durch die zerschundenen Augenlieder an. Wieder öffnete
  er  den  Rachen.  Und  ganz  unerwartet schloß er ihn. Statt nocheinmal zu
  springen  und  mir  den  Fangstoß zu geben, stand er in leiser Zaubrigkeit
  versunken da. Wie ein Ochsenarsch.
       Ich  schaute  mich  reflexartig herum, und ich sage euch, zum letzten
  Mal  hatte  ich so etwas in "Birth of a Nation" von Griffith gesehen. Denn
  unter  den  Bäumen  ritt  ein  Entsatz die Attacke. Es war aber weder U.S.
  Cavalry,  noch  Ku-Klux-Klan.  Es war mein Bekannter, ein gewisser Charles
  Lutdwige  Dodgson.  Er  sah,  wie  der  Heilige  Georg  auf  dem  Bild von
  Carpaccio,   bewaffnet   war   er   aber   mit  einem  Worpalschwert,  das
  augenstechende, winklitzende Reflexe in der Gegend verteilte.
       Ihr  werdet  es  nicht  glauben, aber Fahntierbär floh zuerst. Hinter
  seinem untergegeklemmten Schwanz suchten die von den Les Coeurs die Weite,
  die  ihre  Beine  noch  in ihrer Gewalt hatten. Als letzte verließ, in ihr
  Samtkleid  verwickelt, Königin Mab das Schlachtfeld. Ich sah das alles wie
  durch   ein  mit  Rote-Bete-Saft  gefülltes  Aquarium.  Und  einen  Moment
  später...
       Versprecht alle, daß ihr nicht lachen werdet.
       Einen Moment später sah ich ein Kaninchen mit rosa Augen, das auf das
  Zifferblatt  einer  Taschenuhr  schaute,  welche  ee aus der Tasche seiner
  Weste  gezogen  hatte.  Und  dann  fiel  ich  in ein schwarzes, bodenloses
  Loch.
       Das Fallen dauerte lange.
       Ich  bin  eine  Katze. Ich falle immer auf vier Beine. Auch, wenn ich
  mich nicht daran erinnern kann.

                                    * * *

       "Ach",  sagte  plötzlich  Charles  Lutwidge  Dodgson,  sich  mit  dem
  Ellenbogen  auf ein Ratankorb mit Butterbroten stützend. "Kennst du, Kater
  von  Cheshire,  dieses  entzückende  Gefühl der Schläfrigkeit, welches das
  Aufwachen   an   einem   Sommermorgen   begleitet,   wenn  die  Luft  nach
  Vogelgezwitscher  klingt, eine erfrischende Brise durch das offene Fenster
  hereinweht,  und  du,  träge  und  mit  halbgeschlosenen Augen da liegend,
  siehst,  als  wie noch immer im Traum, grüne Zweige, die sich schwerfällig
  bewegen; die Wasseroberfläche, von goldenen Wellen durchzogen? Ach, glaube
  mir,  Katze,  es  ist  eine an die tiefe Traurigkeit grenzende Wonne; eine
  Wonne,  die  die  Augen  mit  Tränen  füllt,  wie  ein  schönes  Bild oder
  Gedicht..."
       Ihr werdet es nicht glauben. Er hatte nicht gestottert. Kein einziges
  Mal.
       Das  Picknick  dauerte  an. Alice Liddell und ihre Schwester spielten
  lautstark  am  Ufer  der  Themse;  sie liefen nacheinander auf ein am Ufer
  vertautes  Boot  und  sprangen danach wieder herunter. Wenn eine dabei ins
  Wasser  plumpste,  kreischte  sie  schrill  und hob das Kleidchen hoch. In
  solchen  Augenblicken  wurde  Charles Lutwidge Dodgson, der neben mir saß,
  etwas lebendiger und rötlicher im Gesicht.
       "And I have loved you so long...", summte ich leise herum; ich kam zu
  dem Schluß, daß Märzhase in dem, was er sagte, oft viel Recht hatte.
       "Bitte?"
       "Greensleeves.  Sei  es  drum.  Weißt  du  was , mein lieber Charles?
  Beschreibe  das alles. Ein Märchen, das, wie man am beigefügten Bild sehen
  kann,  langsam,  wie  ein  Gebäude  entstanden  ist  und  voller seltsamer
  Gestalten  steckt.  Es  wird  Zeit,  es zu beschreiben. Um so mehr, da der
  Anfang schon gemacht wurde."
       Er  schwieg  und  ließ die freudig quieckende Alice Liddell nicht aus
  den Augen, die das Kleid so hob, daß man ihren Slips sehen konnte.
       "Das halbe Leben trennt uns", sagte er plötzlich leise. "Und die Zeit
  zieht  grausam  schnell  vorbei.  Sie wird nie mehr an mich denken, in den
  Jahren der Jugend, die kommt..."
       "Ich   würde   eher   Prosa   suggerieren",  ich  konnte  mich  nicht
  zurückhalten. "Die Poesie wird sich nicht gut verkaufen."
       Er schaute mich an und verzog das Gesicht.
       "Könntest  du  dich  vielleicht  hmm... etwas mehr materialisieren?",
  fragte  er.  "Es ist etwas nervig, dein Grinsen zu sehen, das so im Nichts
  hängt."
       "Heute,  mein  lieber  Charles, kann ich dir nichts abschlagen. Meine
  Schulden bei dir sind zu groß."
       "Laß  uns  nicht darüber sprechen", sagte er, leicht verlegen und den
  Blick  abwendend.  "Jeder  an  meiner  Stelle...  Ich  konnte  doch  nicht
  erlauben, daß sie... und dich... meine eigene Phantasie tötet."
       "Danke,  daß  du  es  nicht erlaub hast. Aber so, unter uns, woher, o
  Zierde   der   Kavalerien  und  Infanterien,  hast  du  ein  winklitzendes
  Worpalschwert ausgegraben?"
       "Woher hatte ich was?"
       "Forget it, Charles. Wir schweifen ab."
       "Ein  Buch  das  das  alles  beschreibt?", er versank schon wieder in
  Gedanken.  "Was  weiß  ich?  Also  wirklich,  ich  wüßte  nicht, ob ich es
  könnte..."
       "Du würdest es können. Deine Phantasie besitzt genug Kraft, um Rippen
  brechen zu können."
       "Hmmm",  er  machte  eine Bewegung, als ob er mich streicheln wollte,
  entsann sich aber rechtzeitig.
       "Hmmm,  wer  weiß?  Vielleicht  ihr...  würde  so  ein Buch gefallen?
  Außerdem, die Hochschule bezahlt lausig, ich könnte ein paar Pfund nebenan
  gebrauchen...   Selbstverständlich  hätte  ich  einen  Decknamen  benutzen
  müssen. Meine Stelle als Dozent..."
       "Ein  ordentliches  nome  de  plume  tut  bei  dir Not, Charles", ich
  gähnte. "Nicht nur der Schulverwaltung wegen. Dein Geburtsname eignet sich
  nicht  für  einen Buchumschlag. Es klingt, als ob ein an einem Lungenöodem
  Sterbender sein Testament diktiert hätte."
       "Unerhört",  er  täuschte  Empörung  vor.  "Hast  du vielleicht einen
  Vorschlag? Etwas, das besser klingt?"
       "Habe ich. William Blake."
       "Du spottest."
       "Emily Brontö."
       Diesmal   verstummte   er   und   gab  lange  keinen  Ton  von  sich.
  Liddell-Fräuleins  fanden am Ufer eine Teichmuschel. Die freudigen Schreie
  wollten kein Ende nehmen.
       "Du schläfst, Katze aus Cheshire?"
       "Ich versuche es."
       "Na,  dann  schlafe,  o  Tiger,  der im Dickicht der Nacht glüht. Ich
  werde dich nicht stören."
       "Ich  liege  auf dem Ärmel deines Jacketts. Was würde passieren, wenn
  du aufstehst?"
       "Ich würde den Ärmel abschneiden."
       Wir  schauten  auf  die Themse, in der Enten schwammen, und schwiegen
  lange.
       "Die  Schriftstellerei...", sagte plötzlich Charles Lutwidge, der den
  Eindruck  erweckte,  selbst an einem Sommermorgen aufgewackt zu sein. "Die
  Schriftstellerei  ist  eine  tote  Kunst. Das zwanzigste Jahrhundert naht,
  und dies wird das Jahrhundert des Bildes."
       "Du   meinst   das   von  Luis  Jacques  Monde  Daguerre  ausgedachte
  Spielzeug?"
       "Ja",  bestätigte  er.  "Gerade  Photographie  habe  ich im Sinn. Die
  Literatur  ist  eine  Phantasie, also eine Lüge. Der Schriftsteller belügt
  den  Leser,  indem  er  ihn auf Irrwege der eigenen Immagination führt. Er
  täuscht  ihn mit Zweideutigkeiten oder Mehrdeutigkeiten. Eine Photographie
  lügt nie..."
       "Ach  wirklich?", ich bewegte die Schwanzspitze, was bei uns, Katzen,
  manchmal Spotten bedeutet. "Eine Photographie ist nie zweideutig? Auch die
  nicht,   die   ein   zwölfjähriges   Mädchen  darstellt,  in  einem  recht
  zweideutigen,  weit  fortgeschrittenen  Entkleidungszustand? Das auf einem
  Chaiselongue in einer zweideutigen Pose liegt?"
       Er wurde rot.
       "Es  ist  kein  Grund,  sich  zu  schämen", ich bewegte wieder meinen
  Schwanz.  "Wir  alle lieben die Schönheit. Mich faszinieren auch blutjunge
  Katzendamen,  mein  lieber  Charles  Lutwidge,  .  Würde  ich mich mit der
  Photographie  befassen,  so  wie  du, hätte ich auch keine anderen Modelle
  gesucht. Und spucke auf die Konventionen."
       "Ich  habe niemandem diese Bilder gggg... gezeigt", unerwartet begann
  er  wieder  zu  stottern. "Und ich werde sie nie zzzz... zeigen. Obwohl du
  solltest  wissen,  daß  es  einen Zzzz... Zeitpunkt gab, an dem ich an die
  Photographie gewisse Hoffnungen gehegt habe... Finanzieller Natur."
       Ich  lächelte.  Ich  wette,  daß er dieses Lächeln nicht verstand. Er
  wußte  nicht,  woran  ich dachte. Er wußte nicht, was ich sah, während ich
  den  schwarzen  Stollen  des  Kaninchnbaus  herunterfiel. Aber ich sah und
  wußte  unter  anderem,  daß in hundertvierunddreißig Jahren, im Juni 1996,
  vier  von  seinen Photographien, die Mädchen im Alter von elf bis dreizehn
  Jahren  darstellten,  alle in romantischer und aufregender viktorianischer
  Unterwäsche,  alle in zweideutigen, jedoch erotisch suggestiven Posen, bei
  Sotheby's   unter   den   Hammer   gehen   und   für   einen   Betrag  von
  achtundvierzigtausendfünfhundert  Pfunds  Sterling  verkauft  werden. Eine
  hübsche  Summe,  für  vier  Blatt  Papier,  das  in  der Kolotypie-Technik
  bearbeitet wurde.
       Es hatte aber keinen Sinn, darüber zu sprechen.
       Ich  hörte  Flügelrauschen.  An  einer  Weide in der Nähe setzte sich
  Edgar  und  krähte durchdringend. Völlig unnötig. Ich wußte selbst, daß es
  Zeit war.
       "Es  ist  Zeit,  das Picknick zu beenden", ich stand auf. "Leb' wohl,
  Charles."
       Er zeigte kein Erstaunen.
       "Bist du in der Lage zu gehen? Deine Wunden..."
       "Ich bin eine Katze."
       "Ich hätte es fast vergessen. Du bist eine Katze aus Cheshire. Werden
  wir uns noch irgendwann mal treffen? Was meinst du?"
       Ich antwortete nicht.
       "Werden wir uns noch ein mal treffen?", wiederholte er.
       "Nevermore", sagte Edgar.

                                    * * *

       Und  das wäre, meine Lieben, im Prinzip das Ende. Ich werde mich also
  kurz fassen.
       Als  ich in das Land zurückkam, der Nachmittag dauerte noch immer an,
  denn  die  Zeit  fließt hier anders, als bei euch. Ich ging aber nicht zum
  Hasen  und  Hutmacher,  um gemeinsam die in der Wette gewonnene Flasche zu
  leeren  und  sich  mit dem nächsten - nach dem sturen Shakespeare - Erfolg
  bei  der  Korrektur  der  Geschicke der Weltliteratur zu brüsten. Ich ging
  auch  nicht  zu Mab, um mit Hilfe von banaler, jedoch komplimentgespickter
  Konversation  versuchen, den Konflikt zu glätten. Ich ging in den Wald, um
  auf  dem  Ast  herumzuliegen,  die  Wunden auszulecken und das Fell in der
  Sonne zu wärmen.
       Das Schild mit der Aufschrift "BEWARE THE JABBERWOCK" brach jemand ab
  und  warf  es  in  die  Büsche.  Wahrscheinlich  hatte  es  der Jabberwock
  höchstpersönlich  getan,  denn  er pflegte dies öfters zu tun. Er hatte es
  gerne,  jemanden  zu  überraschen  und  die  Warntafel  machte  den ganzen
  Überraschungseffekt zunichte.
       Mein  Ast war dort, wo ich ihn zurückgelassen hatte. Ich bestieg ihn.
  Ich  lies  den  Schwanz  pittoresk  herunterbäumeln.  Ich  legte mich hin,
  nachdem   ich   sicher   war,  daß  in  der  Gegend  Radetzky  sich  nicht
  herumtreiben würde.
       Die  Sonne  brannte  nieder.  Im Dickicht der Dortdoren und Hierhiren
  lustig   platschumsten   die   Peliniche.  Die  Irrlinge  brülpfeifaubten.
  Schwalatter machten etwas schlaziös in der nahen Gargazone, ich wußte aber
  nicht, was. Die Entfernung war zu groß.
       Es war ein goldener Nachmittag
       Es war schmülstig. Und trauholisch. So, wie es hier eben ist.
       Ach,  übrigens,  lest  es doch selbst. Im Original. Oder in einer der
  Übersetzungen.
       Es gibt doch so viele davon.

                                                           Andrzej Sapkowski

                          Translation 07.98-01.99 by peter.jakubowski@gmx.de
                                  under colaboration of Anne-Katherine Lange

  Siebenschläfer (in der Übersetzung von Barbara Teutsch)
  vgl. Buch der Sprüche x.x (Anmerkung des Übersetzers)
  vgl. Offenbarung des Johannes 6,7f (A.d.Ü.)
  vgl. 1. Brief an die Korinther 13,x (A.d.Ü.)
  Laudanum - opiumhaltiges Getränk, beruhigende, schmerzstillende und
  haluzinogene Wirkung
  Schlabberwork in der Übersetzung von Barbara Teutsch

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© '99 by John MacKanacKy (aka Jacek Suliga)
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