"Ein goldener Nachmittag"
Andrzej Sapkowski
Ein goldener Nachmittag
All in the golden afternoon
Full leisurely we glide...
Lewis Carol
Der Nachmittag kündigte sich sehr interessant an; einer von dieser
sagenhaften Nachmittage, deren Existenz nur darauf ausgerichtet ist, sie
mit langanhaltendem und süßen far niente zu verbringen, und zwar bis man
vor lauter Faulheit wohlig ermüdet. So einen Wonnezustand erreicht man
natürlich nicht einfach so - planlos und ohne Vorbereitung - in dem man
sich einfach irgendwo in die Horizontale wirft. Nein, meine Lieben. Er
verlangt nach vorangehenden Aktivitäten, sowohl intellektueller wie auch
körperlicher Art. Das Faulenzentum muß, wie einige zu sagen pflegen,
verdient werden.
Damit ich also keinen einzigen von den genauesntens ausgerechneten
Augenblicken, aus den sich gewöhnlich wonnige Nachmittage zusammensetzen,
verlor, ging ich an die Arbeit. Ich begab mich dann richtung Wald und
betrat denselben, ohne die Warntafel "BEWARE THE JABBERWOCK", die am
Waldrand stand, zu beachten. Ohne Eile, die bei solchen Angelegenheiten
verhängnisvoll sein kann, suchte ich nach allen Regeln der Kunst einen
passenden Baum und bestieg ihn. Dann traf ich die Wahl des richtigen
Astes, mich dabei der Theorie von revolutionibus orbium coelestium
bedienend. Zu klug gesprochen? Dann sage ich es einfacher: Ich wählte den
Ast aus, auf dem die Sonne mir den ganzen Nachmittag das Fell wärmen
sollte.
Die Sonne brannte kräftig vom Himmel, die Rinde duftete, die Vögel
und Insekten sangen mehrstimmig ihr ewiges Lied. Ich legte mich auf den
Ast, ließ den Schwanz pittoresk herunterbaumeln und stutzte das Kinn auf
die Pfoten. Ich war schon dabei, in wohliger Lethargie einzudösen; ich war
schon bereit, der ganzen Welt meine uferlose Geringschätzung zu
demonstrieren, als ich plötzlich am weiten Horizont einen kleinen Punkt
bemerkte.
Der Punkt nahte schnell. Ich hob den Kopf. Unter normalen Umständen
würde ich mich vielleicht nicht dazu herablassen, mich auf herannahende
dunkle Punkte zu konzentrieren, denn normalerweise stellen sich diese
dunklen Punkte als Vögel heraus. Aber in dem Reich, in dem ich mich jetzt
befand, herrschten keine normalen Umstände. Ein am Himmel fliegender
dunkler Punkt konnte sich bei näherer Betrachtung als ein Konzertflügel
herausstellen.
Die Statistik aber bewies zum unzähligsten mal, die Königin der
Wissenschaften zu sein. Der herannahende Punkt war zwar kein Vogel, aber
zum Konzertflügel fehlte ihm auch eine ganze Ecke. Ich seufzte, denn ich
hätte lieber einen Flügel. Ein Flügel, solange er nicht neben einem Hocker
mit Mozart drauf über den Himmel fliegt, ist eine Erscheinung, die
vorübergehender Natur ist und die Ohren nicht unangenehm reizt. Dagegen
Radetzky - denn gerade Radetzky flog heran - konnte sehr laut, auf den
Sack gehend und ermüdend wirken. Ich sage es, ohne gehässig zu sein: Das
war im Prinzip alles, was Radetzky konnte.
"Haben denn nicht die Kätzchen auf Fledermäuse ein Böckchen?",
krächzte er, über meinem Kopf und über meinem Ast kreisend. "Haben denn
nicht die Kätzchen auf Fledermäuse ein Böckchen?"
"Verpiß dich, Radetzky."
"Bist du aber vulgär, Chester. Haaa - haaaa! Do cats eat bats? Haben
denn nicht die Kätzchen auf Fledermäuse ein Böckchen? Und haben denn nicht
manchmal die Fledermäuse auf die Kätzchen ein Böckchen?"
"Du willst mir anscheinend etwas erzählen. Tu das und entferne dich."
Radetzky heftete sich mit den Krallen am Ast über mir, ließ sich
hängen und faltete die hautigen Flügel zusammen; er nahm damit die Gestalt
einer Maus von der Antipoden an, welche in meinen Augen etwas angenehmer
war.
"Ich weiß etwas!", schrie er schrill.
"Endlich. Die Natur ist in ihrer Güte unergründlich."
"Ein Gast!", quietschte die Fledermaus, die sich wie ein Akrobat bog.
"Ein Gast verirrrrrte sich in das Land. Eeeeeiiiiin freuuudiger Tag ist
angebrochen! Wir haben einen Gast, Chester! Einen echten Gast!."
"Hast du ihn mit deinen eigenen Augen gesehen?"
"Nein...", er wurde verlegen, bewegte mit seinen riesigen Ohren und
mit dem witzigen Knopf seiner Nase. "Ich habe ihn nicht gesehen. Aber
Johnny Caterpillar hat es mir gesagt."
Einen Augenblick lang hatte ich vor, ihn rauh und mit möglichst
unflätigen Worten für die Störung meiner Siesta durch Verbreitung
unbestätigter Gerüchte zu schelten. Ich hielt mich aber zurück. Erstens,
Johnny "Blue" Caterpillar hatte viele Laster, eine Neigung zum Schwindeln
und Konfabulieren gehöre jedoch nicht dazu. Zweitens, in dem Land waren
Gäste ein recht seltenes, für alle Bewohner sehr aufregendes, jedoch
eigentlich ziemlich regelmäßiges Vorkommnis. Ihr werdet es nicht glauben,
aber einmal ist uns ein Inka-Indio vorbeigekommen, ein von Koka-Blättern
oder sonstiger präkolumbianischer Pest völlig Verstörter. Mit dem hatten
alle richtig Spaß! Er irrte durch die Gegend, hielt jeden an und auf,
parlierte in einem für niemanden verständlichen Dialekt, schrie, spuckte,
spritzte mit seinem Speichel um sich und bedrohte uns mit einem Messer
aus Obsidian. Bald ging er fort, er ging für immer fort, wie alle anderen.
Er ging auf eine spektakuläre, grausame und blutige Art fort. Die Königin
Mab hatte sich seiner angenommen. Sie und ihr Gefolge, das sich mit dem
Namen "Herrscher der Herzen" zu bezeichnen pflegte. Wir nannten sie
einfach "die Herzen". Les Coeurs.
"Ich fliege", erklärte plötzlich Radetzky, meine Gedanken
unterbrechend. "Ich fliege, die anderen zu benachrichtigen. Über den Gast
natürlich. Macht's gut, Chester."
Ich streckte mich auf meinem Ast aus, ohne ihn mit einer Antwort zu
beehren. Er war keiner Ehre würdig. Ich war schließlich eine Katze, und er
nur eine fliegende Maus, die vergeblich versuchte wie ein
miniaturisierter Graf Dracula auszusehen.
* * *
Gibt es etwas Schlimmeres, als einen Vollidioten im Walde?
Derjenige von euch, der "Nichts!" gerufen hatte, lag nicht ganz
richtig. Es gibt noch etwas, das schlimmer ist, als ein Vollidiot im
Walde.
Es ist eine Vollidiotin im Wald.
Eine Vollidiotin im Wald - Achtung! - kann man an folgenden Dingen
erkennen: Man hört sie aus einer halben Meile Entfernung; sie macht alle
drei oder vier Schritte einen ungeschickten Hopser; sie trällert und
spricht mit sich selbst; sie versucht nach den Tannenzapfen auf dem Pfad
zu treten, trifft aber keine.
Und wenn sie euch, bequem auf dem Ast eines Baumes liegend, entdeckt,
sagt sie: "Oh"; danach starrt sie euch dreist an.
"Oh", sagte die Vollidiotin, den Kopf in den Nacken werfend und mich
dreist anstarrend. "Sei gegrüßt, Katze."
Ich grinste und die Vollidiotin, sowieso schon so ungesund blaß,
wurde noch blasser und faltete die Hände auf dem Rücken. Um das Zittern zu
verbergen.
"Guten Tag, Herr Kater", stammelte sie und machte einen ungeschickten
Knicks.
"Bonjour, ma fille", antwortete ich, ohne mit dem Lächeln aufzuhören.
Das Französisch sollte, wie ihr euch denken könnt, die Vollidiotin
durcheinanderbringen. Ich hatte noch nicht entschieden, was ich mit ihr
anstellen würde, ich wollte mir jedoch einen Spaß gönnen. Und eine
durcheinandergebrachte Vollidiotin ist sehr amüsant.
Ich korrigierte langsam meine Position auf dem Ast, um die
Vollidiotin nicht zu verscheuchen. Wie ich schon anmerkte, war ich noch
nicht entschlossen. Ich hatte keine Angst, es mit Les Coeurs aufzunehmen,
die das alleinige Recht auf die Vernichtung der Gäste beanspruchten und
aggressiv wurden, wenn sich jemand erdreistete, ihnen zuvorzukommen. Mir,
einer Katze, waren ihre Rechte natürlich völlig schnuppe. Mir waren
übrigens jegliche Rechte von irgend jemanden völlig schnuppe. Darum hatte
ich auch kleine Auseinandersetzungen mit Les Coeurs und ihrer Königin, der
rothaarigen Mab. Ich fürchtete mich nicht vor solchen Konflikten. Ich habe
sie geradezu heraufbeschworen, wenn es mir danach war. Jetzt aber
verspürte ich keine rechte Lust dazu. Aber die Position auf dem Ast
korrigierte ich dennoch. Im Fall der Fälle wollte ich die Sache mit einem
Sprung erledigen können, denn auf das Gejage durch den Wald hatte ich
nicht die Spur einer Lust.
"Nie im meinen Leben", sagte das Mädchen mit leicht zitternder
Stimme, "sah ich eine Katze, die so lächelt. Auf diese Weise lächelt."
Ich bewegte mit meinem Ohr, um zu zeigen, daß das für mich nichts
Neues ist.
"Ich habe eine Katze", gab sie bekannt. "Meine Katze heißt Dina. Und
wie heißt du?"
"Du bist hier der Gast, teures Mädchen. Du solltest dich zuerst
vorstellen."
"Entschuldigung". Sie knickste, den Blick senkend. Schade, denn sie
hatte sehr dunkle und für einen Menschen sehr schöne Augen. "In der Tat,
das war unhöflich, ich sollte mich zuerst vorstellen. Ich heiße Alice.
Alice Liddell. Ich bin hier, weil ich in einen Kaninchenbau gekrabbelt
bin. Nach einem weißen Kaninchen mit rosa Augen, das eine Weste trug. Und
in der Westentasche eine Uhr."
Inka, dachte ich. Spricht verständlich, spuckt nicht, hat kein Messer
aus Obsidian. Trotz alle dem ein Inka.
"Haben wir denn Gras geraucht, Fräulein?", sprach ich sie höflich an.
"Haben wir Barbituränchen geschluckt? Oder haben wir etwa Amphetamine
gefixt? Ma foi, früh fangen jetzt die Kinder an."
"Ich verstehe kein Wort", sie schüttelte den Kopf. "Ich habe von dem,
was du sagtest, Kater, kein Wort verstanden. Kein Wörtchen. Kein einziges
Wörtlein."
Sie sprach seltsam, war aber noch seltsamer gekleidet; ich hatte es
erst jetzt bemerkt. Glockenröckchen, Schürze, Kragen mit abgerundeten
Ecken, kurze, ausgestellte Ärmel, Strümpfe... Ja, verdammt noch mal,
Strümpfe. Und Stiefel mit Riemchen. Fin de siecle, wenn mir meine
Gesundheit lieb ist. Drogen und Alkohol kann man also ausschließen. Wenn,
natürlich, ihre Kleidung keine Verkleidung ist. Sie könnte in das Land
direkt von einer Schulvorstellung treffen, wo sie die Kleine Miss Muffet
spielte, die auf dem Sand neben der Spinne saß. Oder direkt von der Feier,
auf welcher die junge Theatertruppe den Erfolg der Vorstellung mit ein
paar Handvoll Schnee feierte. Und dieses hielt ich nach einiger Überlegung
für das Wahrscheinlichste.
"Na, was haben wir denn eingenommen?", fragte ich. "Welche der
Substanzen ließ uns diesen besonderen Bewußtseinszustand erreichen?
Welches Präparat trug uns in das Land der Träume? Oder haben wir etwa
einfach ohne Maßen lauwarmen Gin mit Tonic getrunken?"
"Ich?", sie wurde rot. "Ich trank überhaupt nichts... Das heißt, nur
einen , ein klitzekleines Schlückchen... Na, vielleicht zwei... Oder
drei... Aber auf der Flasche war doch ein Zettel mit der Aufschrift
"Trinke mich aus". Das konnte mir auf keinen Fall schaden."
"Geradezu, als hätte ich Janis Joplin hören können."
"Bitte?"
"Unwichtig."
"Du wolltest mir sagen, wie du heißt."
"Chester. Zu ihren Diensten."
"Chester liegt in der Grafschaft Cheshire", gab sie stolz bekannt.
"Ich habe es gerade in der Schule gelernt. Du bist also ein Kater aus
Cheshire! Und wie kannst du mir dienen? Machst du mir etwas angenehmes?"
"Ich mache dir nichts unangenehmes", ich grinste, die Zähne
fletschend und entschloß mich endlich, sie zur Verfügung von Mab und Les
Coeurs zu überlassen. "Betrachte es als eine Dienstleistung. Und erwarte
keine weiteren. Auf Wiedersehen."
"Hmmm...", sie zögerte. "Gut, ich gehe ja gleich... Aber zuerst...
Sage mir, was du auf dem Baum tust?"
"Ich liege in der Grafschaft Cheshire. Auf Wiedersehen."
"Aber ich... Ich weiß nicht, wie ich hier rauskomme."
"Es ging mir ausschließlich darum, daß du dich entfernst", erklärte
ich. "Denn wenn es um das Rausgehen geht, ist das vergebliche Mühe, Alice
Liddell. Hier kommt man nicht heraus."
"Bitte?"
"Hier kommt man nicht raus, Dummerchen. Man sollte auf die andere
Seite des Aufklebers auf der Flasche schauen."
"Stimmt nicht."
Ich wischte mit meinem vom Ast herunterhängenden Schwanz, was bei uns
Katzen dem Schulterzucken entspricht.
"Stimmt nicht", wiederholte sie zänkisch. "Ich werde ein Bißchen hin-
und herspazieren, und dann kehre ich zurück nach Hause. Ich muß. Ich
besuche eine Schule, ich kann den Unterricht nicht versäumen. Außerdem
hätte meine Mutter Sehnsucht nach mir. Und Dina auch. Dina, das ist meine
Katze. Habe ich schon von ihr erzählt? Auf Wiedersehen, Kater aus
Cheshire. Würdest du die Güte haben, mir zu sagen, wohin dieser Pfad
führt? Wohin komme ich, wenn ich hier entlang gehe? Wohnt da jemand?"
"Dort", zeigte ich mit einer sparsamen Kopfbewegung, "wohnt Archibald
Haigha, für Freunde Archie. Er ist verrückter, als ein Hase im März. Daher
nennen wir ihn: Märzhase. Dort drüben dagegen wohnt Bertrand Russel Hatta,
der so verrückt ist, wie ein Hutmacher. Daher nennen wir ihn: Hutmacher.
Beide, wie du dir vielleicht schon denken kannst, sind wahnsinnig."
"Aber ich habe keine Lust Wahnsinnige und Verrückte zu treffen."
"Wir alle hier sind wahnsinnig. Ich bin wahnsinnig. Du bist
wahnsinnig."
"Ich? Das ist nicht wahr! Warum sagst du so etwas?"
"Wärest du nicht wahnsinnig", erklärte ich, schon etwas gelangweilt,
"würdest du nicht hier sein."
"Du sprichst in Rätseln...", begann sie, aber plötzlich wurden ihre
Augen ganz groß. "Was ist denn... Was passiert mit dir? Katze aus
Cheshire! Verschwinde nicht! Verschwinde nicht, bitte!"
"Liebes Kind", sagte ich sanft, "nicht ich verschwinde, sondern dein
Gehirn hört auf zu funktionieren; es ist nicht mal mehr dazu fähig, im
Delirium zu Phantasieren. Der Betrieb wird eingestellt. Mit anderen
Worten..."
Ich sprach nicht zuende. Ich konnte es nicht fertigbringen, es zuende
zu sprechen. Ihr zu erklären, daß sie stirbt.
"Ich sehe dich wieder!", rief sie triumphal. "Du bist wieder da.
Mache es nie wieder. Verschwinde nicht so plötzlich. Das ist schrecklich.
Mir wird schwindlig davon."
"Ich weiß."
"Ich muß schon gehen. Auf Wiedersehen, Katze aus Cheshire."
"Lebewohl, Alice Liddell."
* * *
Ich greife ein Bißchen voraus. Ich habe diesen Tag nicht im süßen
Faulenzentum verbracht. Aus dem Schlaf gerissen und aus der Lethargie
hochgeschreckt war ich nicht mehr in der Lage, die alte Stimmung in mir
wieder aufzubauen. Was soll's, die Welt geht vor die Hunde. Den
schlafenden oder dösenden Katzen wird keine Rücksicht und keinerlei
Respekt mehr gezollt. Wo sind die Zeiten, in dennen der Prophet Mohammed,
als er aufstehen und in die Moschee gehen wollte, aber eine im Ärmel
seines Gewandes schlafende Katze nicht aufwecken wollte, den Ärmel mit
einem Messer vom Rock abtrennte. Niemand von euch, da wette ich um jedes
Geld, würde sich zu einer ähnlich edlen Tat bewegen lassen. Daher glaube
ich kaum, daß einer von Euch es schaffen wird, ein Prophet zu werden, auch
wenn er ein ganzes Jahr lang von Mekka nach Medina zu Fuß laufen würde.
Was soll's, wie der Mohammed der Katze, so die Katze dem Mohammed.
Ich überlegte nicht länger als eine Stunde. Dann - es hatte mich
selbst gewundert - stieg ich vom Baum herunter und ging ohne Eile den
schmalen Waldpad entlang in Richtung Behausung von Archibald Haighy,
genannt Märzhase. Ich könnte natürlich, wenn ich es denn gewollt hätte,
bei Archibald innerhalb einiger Sekunden ankommen, ich hielt es aber für
zuviel des Guten, denn es häte darauf hinweisen können, daß mir an
irgend etwas liegen würde. Es lag mir vielleicht auch etwas daran, ich
wollte es aber nicht offen zeigen.
Die roten Dachpfannen des Hauses des Hasen mischten sich rasch unter
das Ocker und Gelb von den Herbstblättern der Bäume der Umgebung. Und zu
meinen Ohren drang eine stimmungsvolle Musik durch. Jemand - oder etwas -
spielte und sang leise "Greensleeves". Eine Melodie, die hervorragend zu
Ort und Zeit paßte.
Alas, my love, you do me wrong
To cast me out discourteously
And I have loved you so long
Delighting in your company...
Auf dem Hof vor dem Haus stand ein Tisch, der mit einer sauberen
decke bedeckt war. Auf dem Tisch standen Teller, Tassen, eine Teekanne und
eine Flasche Whisky Chivas Regal. Hinter dem Tisch saß der Gastgeber,
Märzhase, und seine Gäste: Hutmacher, der hier fast ständig weilte, und
Pierre Dormousse, der sich hier - und überall sonst - äußerst selten
blicken ließ. An der kurzen Seite des Tisches aber saß die dunkelaugige
Alice Liddell, sich mit kindlicher Frechheit im Ratansessel breitmachend
und beidhändig eine Tasse haltend. Sie schien von der Tatsache völlig
unbeeindruckt zu sein, daß sie bei der five o'clock whisky and tea von
einem Hasen mit unordentlichem Schnurrbart, einem Zwerg mit idiotischem
Zylinderhut, einem Stehkragen und einer gesprenkelten Fliege sowie einem
fetten Murmeltier , das mit dem Kopf auf dem Tisch schlummerte, begleitet
wurde.
Archie der Märzhase erblickte mich zuerst.
"Schau, wer da kommt", rief er laut und das Timbre seiner Stimme wies
eindeutig darauf hin, daß in dieser Gesellschaft der Tee ausschließlich
von Alice getrunken wurde.
"Wer kommt denn da des Weges? Wenn mich meine Augen nicht täuschen!
Es wäre, ich zitiere mal den Propheten Eremiah, das edelste aller Tiere,
eines, das großartig schreitet und eine erhabene Gangart eigen nennt. "
"Man hätte im Geheimen das siebte Siegel öffnen müssen", der
Hutmacher pflichtete ihm bei, aus der Tasse trank er etwas, das eindeutig
kein Tee gewesen war. "Schaut her, eine blasse Katze, und ihr folgen Tod
und Abgrund."
"In Wahrheit sage ich euch, ihr seid wie eine lärmende Pauke und
tönendes Erz ", erklärte ich ohne Aufregung, als ich näher kam.
"Setze dich hin, Chester," sagte Märzhase, "und schenke dir ein. Wie
du siehst, haben wir einen Gast. Der Gast unterhält uns mit Geschichten
über seine Abenteuer, die er seit der Ankunft in unserem Land erlebt
hatte. Ich wette, auch du wirst sie gerne hören. Erlaube, daß ich
vorstelle..."
"Wir kennen uns schon."
"Natürlich", sagte Alice, zauberhaft lächelnd. "Wir kennen uns. Er
war es, der mir den Weg zu euren hübschen Haus gezeigt hat. Das ist die
Katze aus Cheshire."
"Was für einen Unsinn hast du dem Kind verzapft, Chester?". Archie
bewegte mit seinem Schnurrbart.
"Hast du schon wieder deine Eloquenz zur Schau gestellt, die deine
Überlegenheit gegenüber den anderen Wesen beweisen sollte? Na, was ist,
Katze?"
"Ich habe eine Katze", sagte völlig aus dem Zusammenhang gerissen
Alice. "Meine Katze heißt Dina."
"Du hast es schon erwähnt."
"Und diese Katze", Alice zeigte unhöflich mit dem Finger auf mich,
"verschwindet manchmal, und zwar so, daß man nur ihr Lächeln sehen kann,
in der Luft schwebend. Brrr, schrecklich."
"Hab' ich's nicht gesagt?", Archie hob den Kopf und richtete die
Ohren auf, an dennen immer noch Grashalme und Getreideähren hingen. "Er
macht sich schon wieder wichtig! Wie immer!"
"Richtet nicht", gab Pierre Dormousse bekannt, vollständig bei
Bewußtsein, aber den Kopf immer noch auf dem Tisch gestützt, "auf, daß ihr
nicht gerichtet werdet!."
"Halt die Klappe, Dormousse", Märzhase winkte ab. "Schlafe weiter und
mische dich nicht ein."
"Du aber fahre fort, mein Kind", der Hutmacher forderte Alice auf.
"Wir würden gerne von deinen Abenteuern hören, und die Zeit drängt."
"Es drängt wie verrückt", murmelte ich, ihm in die Augen sehend.
Archie bemerkte es und schnaubte geringschätzend.
"Heute ist Mittwoch", sagte er. "Mab und Les Coeurs spielen ihren
schwachsinnigen Crockett. Ich wette, daß sie noch nichts von unserem Gast
wissen."
"Du unterschätzt Radetzky."
"Wir haben Zeit, möchte ich noch mal anmerken. Also laßt sie uns
nutzen. Ein so lustiges Spiel kommt nicht täglich vor."
"Und was findet ihr dabei so lustig?"
"Du wirst es sehen. Na, liebe Alice, erzähle. Wir sind ganz Ohr."
Alice Liddell ließ den Blick ihrer dunkelen Augen über uns gleiten,
als ob sie erwarten würde, wir würden tatsächlich zu Ohren oder etwas
anderem werden.
"Wo war ich stehen geblieben?", überlegte sie, als keine Verwandlung
unsererseits stattgefunden hatte. "Aha, ich weiß schon. Bei den Kuchen.
Bei denen, die eine Aufschrift trugen: "Esse mich", wunderhübsch aus roten
Beeren auf gelber Creme zusammengesetzt. Ach, wie gut sie schmeckten,
diese Kuchen! Wirklich zauberhaft gut haben sie geschmeckt! Und zauberhaft
waren sie in der Tat. Als ich ein Stück gegessen hatte, begann ich zu
wachsen. Ich habe mich erschrocken, ihr versteht ja... Und schnell habe
ich den zweiten Kuchen angebissen, der genauso wohlschmeckend wie der
Erste war. Dann begann ich zu schrumpfen. Solche Zauber gab es da, ha! Ich
konnte mal größer, mal kleiner werden. Ich konnte schrumpfen, ich konnte
mich strecken. Ganz nach belieben. Versteht ihr?"
"Wir verstehen", sagte der Hutmacher und rieb sich die Hände. " Na,
Archie, du bist dran. Wir hören."
"Die Sache ist klar", erklärte der Märzhase stolz. "Die
Phantasiererei hat einen erotischen Hintergrund. Das Aufessen der Kuchen
ist ein Ausdruck typisch kindlicher oralen Faszinationen, die im noch
schlummernden Sexualismus grunden. Lecken und Schmatzen ohne zu denken,
ist eine typische Verhaltensweise der Pubertät, auch wenn ich zugeben muß,
einige zu kennen, die es bis ins hohe Alter nicht abgelegt haben. Was das
angeblich durch den Genuß der Kuchen verursachte Schrumpfen und Strecken
angeht, so werde ich vermutlich nicht besonders originell, wenn ich an den
Mythos vom Prokrust und Prokrustbett erinnern darf. Es handelt sich um
das unterbewußte Verlangen nach Anpassung , nach der Teilnahme am
Mysterium der Einweihung und nach dem Eintreten in die Welt der
Erwachsenen. Es gibt auch einen sexuellen Hintergrund. Das Mädchen
möchte..."
"Das ist also euer Spiel", stellte ich fest. "Psychoanalyse, die
ergründen sollte, wie, zum Teufel, sie hier gelandet ist. Das Problem
liegt aber in der Tatsache, daß bei dir, Archie, alles einen sexuellen
Grund hat. Das ist übrigens für Hasen, Kaninchen, Wiesel, Nutrias und
sonstige Nagetiere typisch, bei denen es alles nur um das Eine geht. Ich
wiederhole meine Frage: Was ist daran so lustig?"
"Wie in jedem Spiel", sagte Hutmacher, "lustig ist das Töten der
Langeweile."
"Und die Tatsache, daß es einem nicht lustig vorkommt, beweist es
keineswegs, daß derjenige ein höheres Wesen ist", knurre Archie. "Grinse
nicht, Chester, dein Grinsen beeindruckt hier niemanden. Wann wirst du
endlich verstehen, daß deine Klugscheißerei niemanden hier dazu bewegen
kann, dich als Gottheit anzubeten. Wir sind nicht in Bubastis, sondern im
Land der..."
"Zauber?", warf Alice ein, uns mit ihrem Blick umkreisend.
"Wunder", verbesserte Hutmacher. "Zauberland ist Faoerie. Hier ist
Wonderland. Land der Wunder."
"Die Semantik", knurrte Dormousse vom Tisch. Niemand beachtete ihn.
"Fahre fort, Alice", drängte Hutmacher. "Was war danach, nach diesen
Kuchen?"
"Ich", das Mädchen erklärte mit dem Henkel spielend, "wollte so sehr
dieses Kaninchen mit der weißen Weste wiederfinden, dieses, welches
Handschuhe und eine Taschenuhr trug. Ich dachte mir, wenn ich es
wiederfände, so finde ich vielleicht zu dem Loch, in das ich reingefallen
bin... Und ich werde durch dieses Loch zurückkehren können. Nach Hause."
Wir alle schwiegen. Diese Stelle bedurfte keinerlei Erklärung. Unter
uns gab es ebenfalls keinen, der nicht wußte, was ein schwarzes Loch ist
und was es bedeutet - ein Fall, ein langes, nicht endend wollendes
Fallen. Es gab unter uns keinen, der nicht wüßte, da es in ganzem Land
niemanden gibt, der nur entfernt an ein weißes Kaninchen erinnerte, das
Weste, Handschuhe und eine Taschenuhr trug.
"Ich ging", fuhr Alice fort, "durch eine blummenreiche Wiese, und
plötzlich rutschte ich aus, weil die ganze Wiese vom Tau naß und sehr
rutschig war. Ich fiel hin. Ich weiß selbst nicht, wie, aber plötzlich
plumpste ich ins Meer. So dachte ich, weil das Wasser salzig war. Aber es
war gar kein Meer, wißt ihr? Es war eine riesige Tränenpfütze. Weil ich
schon vorher geweint hatte, sehr geweint... Weil ich Angst hatte und
dachte, daß ich nie mehr das Kaninchen und das Loch wiederfinden würde.
Das alles hat mir eine Maus erklärt, die dort herumgeschwommen ist, weil
auch sie dort zufällig hineingefallen ist, so wie ich. Wir haben uns
gegenseitig aus der Pfütze herausgezogen, das heißt, ein bißchen hat die
Maus mich rausgezogen und ein bißchen ich sie. Sie war ganz naß, die Arme,
und sie hatte einen ganz langen Schwanz..."
Sie verstummte, und Archie sah mich mit Überlegenheit an.
"Unabhängig davon, was darüber einige Katzen denken", erklärte er,
dabei der Allgemeinheit seine zwei gelblichen Zähne zeigend, "der Schwanz
der Maus ist ein phallisches Symbol. Damit kann man übrigens die panische
Angst, die einige Frauen beim Anblick einer Maus ergreift, erklären."
"Ihr seid allesamt wahnsinnig", sagte Alice mit Überzeugung. Niemand
beachtete sie.
"Und salziges Meer", höhnte ich, " welches aus mädchenhaften Tränen
entstand, ist natürlich nur der zum Weinen zwingende Penisneid, was?
Archie?"
"Jawohl! Darüber schreiben Freud und Bettelheim. Besonders auf
Bettelheim sollte man sich hier berufen, denn er befaßte sich mit der
Kinderpsyche."
"Wir werden hier nicht", Hutmacher verzog das Gesicht, "den
Bettelheim rufen. Und Freud soll auch requiestat in pace. Diese Flasche
paßt hervorragend auf uns vier, comme il faut, wir brauchen hier keine
weitere Beteiligung. Erzähl' weiter, Alice."
"Später...", Alice Liddell überlegte. "Später traf ich zufällig den
Lakaien. Aber als ich ihn mir näher angeschaut hatte, stellte es sich
heraus, daß es kein Lakai, sondern ein Riesenfrosch war, in Lakaienlivree
gekleidet."
"Aha!", erfreute sich Märzhase. "Da ist also auch ein Frosch! Ein
feuchter und glitschiger Lurch, der sich erregt aufbläht, wächst und seine
Ausmaße vergrößert! Wofür steht dieses Symbol? Na für den Penis doch!"
"Na klar", ich nickte. "Wofür denn sonst? Für dich steht alles für
den Penis und für den Arsch, Archie."
"Ihr seid allesamt wahnsinnig", sagte Alice. "Und vulgär."
"Sicher", bejahte Dormousse; er hob den Kopf und sah sie verschlafen
an. "Jeder weiß es. Oh, ist sie immer noch da? Haben sie sie noch nicht
abgeholt?"
Hutmacher, deutlich beunruhigt, blickte sich Richtung Wald um, in
welchem Geräusche durch Astkrachen und Trampeln zu hören waren. Ich als
Katze, hörte sie schon seit langem, noch bevor sie herannahten. Es waren
nicht Les Coeurs, es war eine Bande Irrlinge, die im Streu nach etwas
Fressbarem gesucht hatten.
"Ja, ja, Archie", ich hatte nicht vor, den Hasen zu beruhigen, der
die Geräusche auch gehört hatte und ängstlich die Ohren aufrichtete. "Du
solltest dich mit der Psychoanalyse etwas beeilen, sonst führt Mab sie für
dich zu Ende."
"Möchtest du sie vielleicht zuende führen?", Märzhase bewegte seinen
Schnurrbart. "Du, als ein höheres Wesen, kennst ja alle in der Psyche
vorkommenden Vorgänge auswendig. Du weißt sicherlich, wie es passieren
konnte, daß die sterbende Tochter des Dekans der Christ Church ohne aus
der Lethargie aufzuwachen durch das Land irrt, anstatt in Frieden zu
gehen?"
"Christ Church", ich bezwang die Verwunderung. "Oxford, welcher
Jahr?"
"Achtzehnhundertzweiundsechzig", brummte Archie. "Die Nacht vom
siebten zum achten Juli. Ist das wichtig?"
"Nicht wichtig. Ziehe Schlüsse aus deiner Ausführung. Denn du hast
bestimmt schon ein fertiges Fazit?"
"Selbstverständlich habe ich eins."
"Ich brenne vor Neugier."
Hutmacher schenkte ein. Archie nahm einen Schluck, schaute mich
hochmütig an, räusperte sich und rieb sich die Hände.
"Wir haben es hier", begann er feierlich und erhaben, "mit einem
typischen Fall von einem Konflikt zwischen id, ego und superego zu tun.
Wie meinen hochgeschätzten Kollegen bekannt ist, in der menschlicher
Psychik ist id das, was gefährlich, triebhaft, drohend und unverständlich;
das, was mit einer nicht zu bremsenden Tendenz zu gedankenloser
Befriedigung. Diese gedankenlose Befolgung der Triebe wird von der Person
- wie wir es gerade beobachten können - ungeschickt mit ausgedachten
Anweisungen der Art, wie "trinke mich", beziehungsweise "esse mich auf"
entschuldigt, was - selbstverständlich falsch - die Unterwerfung des id
der rationellen Kontrolle des ego vorspielt. Das ego jener Person, das
sind eingebläuten viktorianische Prinzipien der Wirklichkeit, Realität,
der Notwendigkeit der Unterwerfung den Geboten und Verboten. Die Realität
ist die strenge häusliche Erziehung, die strenge, obwohl scheinbar bunte
Realität von "Young Misses magazine", der einzigen Lektüre dieses
Kindes..."
"Stimmt nicht!", schrie Alice Liddell. "Ich habe außerdem noch den
"Robinson Crusoe" gelesen! Und den sir Walter Scott!"
"Über all dem", der Hase kümmerte sich nicht um die Schreie,
"versucht es - ohne Ergebnis - das unausgebildete superego jener und - sit
licentia verbo - hier gegenwärtigen Person. Und das superego, auch nur
rudimentär, entscheidet über die Fähigkeit zum Phantasieren. Daher
versucht es, die eintretenden Vorgänge in Visionen und Bilder umzusetzen.
Vivere cesse, imaginare necesse est, wenn die hochgeschätzten Kollegen die
Paraphrase erlauben..."
"Die hochgeschätzten Kollegen", sagte ich, "erlauben sich eher die
Bemerkung, daß die Ausführung, obwohl im Prinzip theoretisch korrekt,
nichts erklärt, und somit ein klassisches Beispiel akademischen
Geschwafels ist."
"Sei nicht beleidigt, Archie", unerwartet unterstützte mich
Hutmacher, "aber Chester hat Recht. Weiterhin wissen wir nicht, auf welche
Weise Alice hier gelandet ist."
"Dann seid ihr Dummköpfe!", Der Hase fuchtelte mit den Armen. "Sag'
ich doch! Die vom Erotismus überfüllte Phantasie trug sie hierher.! Ihre
Ängste! Von irgendwelchen Drogen aufgeweckte geheime Träume..."
Er brach ab, auf etwas starrend, was sich hinter meinem Rücken
befand. Jetzt hörte auch ich das Rauschen des Feder. Ich hätte es schon
früher gehört, würde er nicht so labern.
Auf dem Tisch, genau zwischen der Flasche und der Kanne landete
Edgar. Edgar ist ein Rabe. Edgar fliegt viel und redet wenig. Daher dient
er im Land hauptsächlich als Bote. So war es diesmal auch, denn Edgar
hielt im Schnabel einen größeren Umschlag , der mit den durch eine Krone
geteilten Initialen MR verziert war.
"Verdammte Bande", flüsterte Hutmacher. "Verdammte effektheischende
Bande."
"Ist das für mich?", wunderte sich Alice. Edgar nickte mit dem Kopf,
dem Schnabel und dem Brief.
Sie nahm den Umschlag, aber Archie riß rücksichtslos das Brief aus
der Hand und brach das Siegel.
"Ihre Königliche Hochheit Mab etc. etc.", las er ab, "lädt zur
Teilnahme an einer Partie Crockett, deren Termin..."
Er schaute uns an.
"Heute." Er bewegte seinen Schnurrbart. "Also haben sie es erfahren.
Die verdammte Fledermaus hat es ausgeplaudert und sie haben es erfahren."
"Wundervoll!" Alice Liddell klatschte in die Hände. "Eine Partie
Crockett! Mit der Königin! Darf ich schon vorausgehen? Es wäre unhöflich,
sich zu verspäten."
Hutmacher räusperte sich laut. Archie drehte den Brief in der Hand.
Dormousse schnarchte auf. Edgar schwieg und pflüsterte seine Federn.
"Halte sie hier so lange fest, wie es nur möglich ist", entschloß ich
mich plötzlich und stand auf. "Ich komme gleich zurück."
"Sei nicht albern, Chester", brummte Archie. "Du wirst nichts
ausrichten, auch wenn du es bis dorthin schaffen würdest, was ich
bezweifle. Es ist schon zu spät. Mab weiß schon von ihr, sie läßt sie
nicht gehen. Du wirst sie nicht retten. Es gibt keine Möglichkeit."
"Wollen wir wetten?"
* * *
Der Wind der Zeit und des Raumes rauschte immer noch in meinen Ohren
und richtete mir das Fell auf; und die Erde, auf der ich stand, wollte um
nichts in der Welt aufhören zu zittern. Die harteRealität und das
Gleichgewicht verdrängten schnell und konsequent den horror vacui, der
mich die letzten paar Augenblicke begleitet hatte. Das Unwohlsein verging,
wenn auch unwillig; die Augen gewöhnten sich wieder an die euklidische
Geometrie.
Ich schaute mich um.
Der Garten, in dem ich gelandet war, war wahrhaftig englisch, das
heißt verdammt verwachsen und voller Sträucher. Irgendwo von links roch es
leicht nach Sumpf und man konnte vereinzeltes Quacken hören, so schloß ich
auf die Anwesenheit eines Teiches. Etwas weiter blitzelten Lichter einer
von Efeu bedeckten Fassade eines nicht zu großen Hauses.
Im Prinzip war ich mir meiner Sache sicher, das heißt, daß ich den
richtigen Ort und die richtige Zeit getroffen hatte. Aber ich wollte mich
vergewissern.
"Ist hier jemand da, zum Teufel?" fragte ich ungeduldig.
Ich wartete nicht lange. Aus der Dunkelheit tauchte ein fuchsroter
und getiegerter Kerl auf. Er sah nicht wie der Besitzer des Gartens aus,
obwohl er es kramphaft versuchte. Er war kein Dummkopf, in der Kinderstube
hat man ihm auch einige Manieren und etwas savoir vivre beigebracht, denn
als er mich gesehen hatte, grüßte er höflich, indem er sich setzte und die
Pfoten mit dem Schwanz umwickelte. Ha, ich würde gerne jemanden von euch
Menschen sehen, ob ihr auch so ruhig auf das Erscheinen eines Wesens aus
eurer Mythologie reagiert. Mythologie und Demonologie.
"Mit wem habe ich das Vergnügen?", fragte ich kurz und brüsk.
"Russet Fitz-Rourke der Dritte, Your Grace."
"Das da", mit einer Ohrbewegung zeigte ich auf das, was ich meinte.
"England, selbstverständlich?"
"Selbstverständlich."
"Oxford?"
"In der Tat."
Ich traf sie also. Die Ente, die ich hörte, schwamm gewiß nicht im
Teich, sondern in der Themse oder Cherwell. Und der Turm, den ich bei der
Landung gesehen hatte, war der Carfax Tower. Das Problem war nur, daß
Carfax Tower bei meinem letzten Besuch in Oxford genauso ausgesehen hatte,
und das war 1645, kurz vor der Schlacht bei Naseby. Ich gab König Charles
den Rat alles hinzuschmeissen und nach Frankreich zu fliehen.
"Wer regiert im Augenblick in England?"
"In England der Merlin von Glastonbury. In Schottland..."
"Ich frage nicht nach Katzen, du Idiot."
"Entschuldigung, Eure Liebe. Die Königin Viktoria."
Gut so. Obwohl, andrerseits, das Weib hatte vierundsechzig Jahre
regiert, 1837-1901. Es bestand immer die Möglichkeit, daß ich mich um eine
Kleinigkeit nach Vorne oder nach Hinten verschoß. Ich hätte natürlich
den Roten direkt nach dem Datum fragen, aber es wäre unschicklich, wie ihr
verstehen werdet. Er könnte denken, ich sei nicht allwissend. Und, wie
sagt man? Prestige über alles!
"Wem gehört dieses Haus?"
"Venera Whiteblack...", begann er, verbesserte sich aber sofort. "Das
heißt, der menschliche Eigentümer ist Herr Dekan George Liddell."
"Irgendwelche Kinder? Ich frage nicht nach Kindern von Venera
Whiteblack, sondern nach den des Dekan Liddell."
"Drei Töchter."
"Welche heißt mit Vornamen Alice?"
"Die Mittlere."
Ich atmete auf. Der Rote atmete auch auf. Er war überzeugt, ich würde
ihn nicht ausfragen, sondern examinieren.
"Ich bin ihnen zutiefst verbunden, sir Russet. Eine gelungene Jagd."
"Danke, Your Grace."
Er erwiderte meinen Glückwunsch nach gelungener Jagd nicht. Er kannte
die Legenden. Er wußte, welche Art Jagd mein Erscheinen in seiner Welt
bedeuten kann.
* * *
Ich ging durch die Mauer, durch die mit buntgemusterter Tapete
beklebten Wände, durch Stück, durch Möbel. Ich ging durch den Geruch von
Staub, Arzneien, Äpfeln, Sherry, Tabak und Lavendel. Ich ging durch
Stimmen, Flüstern, Seufzer und Schluchzen. Ich überschritt den
beleuchteten living room, in dem der Dekan Liddell und seine Frau mit
einem schlanken, gebeugten, dunkelhaarigen Mann mit üppiger Frisur sich
leise unterhielten. Ich fand die Treppe. Ich ging an zwei Kinderzimmer
vorbei, aus denen der Hauch von jungem gesunden Schlaf drang. Und bei dem
dritten Kinderzimmer lief ich auf eine Wachende auf.
"Ich komme in Frieden", sagte ich schnell, vor warnendem Fauchen,
Zähnen, Klauen und Wut zurückweichend. "In Frieden!"
Die auf der Schwelle liegende Venera Whiteblack legte die Ohren an
und bedachte mich mit der nächsten Haßwelle, wonach sie die klassische
Kampfstellung einnahm.
"Zügle dich, Katze!"
"Apage!", fauchte sie, ohne ihre Stellung zu ändern. "Weg! Kein Dämon
wird die Schwelle überschreiten, auf der ich liege!"
"Auch der nicht", ich wurde etwas ungeduldig, "der dich Dina nennt?"
Sie zitterte kurz.
"Geh' mir aus dem Weg", wiederholte ich. "Dina, die Katze von Alice
Liddell."
"Eure Liebe?", sie schaute mich unsicher an. "Hier?"
"Ich möchte rein. Geh' von der Schwelle. Nein, geh' nicht weg. Komm
mit mir herein."
Im Zimmer, in Übereinstimmung mit den Bräuchen der Epoche, standen so
viele Möbel, wie nur hierein reinpaßten. Auch hier waren die Wände mit der
Tapete mit dem grauenhaften Blumenmuster beklebt. Über der Kommode hing
eine schlecht gelungene Graphik, die, sollte man der Signatur glauben,
eine gewisse Mrs. West in der Rolle der Desdemone darstellte. Und auf dem
Bett lag Alice Liddell, bewußtlos, verschwitzt und blaß wie ein Gespenst.
Sie sprach in Delirium so wirr, daß ich in der Luft vor ihr geradezu die
roten Dachpfannen des Hauses vom Hasen sah und "Greensleeves" hören
könnte.
"Sie veranstalteten eine Bootsfahrt auf der Themse, sie, ihre
Schwester und ein Herr Charles Lutwidge Dodgson", Venera griff meine Frage
voraus. "Alice fiel ins Wasser, erkältete sich und bekam Fieber. Der Arzt
war schon da, man hat sie auch mit Medikamenten aus der Hausapotheke
behandelt. Durch Unachtsamkeit mischte sich unter die Arzneien eine
Flasche mit Laudanum und sie trank sie aus. Seit diesem Vorfall befindet
sie sich in diesem Zustand."
Ich dachte nach.
"Ist das dieser unverantwortliche Charles, der mit der Frisur eines
Klavierviruosen, der mit Dekan Liddell spricht? Als ich durch den Salon
ging, spürte ich seine Gedanken. Schuldgefühle."
"Ja, genau der. Ein Freund des Hauses. Er unterrichtet Mathematik,
aber sonst ist er auszuhalten. Und ich würde ihn nicht unverantwortlich
nennen. Es war nicht seine Schuld, dort in dem Boot. Ein Unfall, wie er
jedem passieren könnte."
"Hält er sich öfter in der Gegend von Alice auf?"
"Öfter. Sie mag ihn. Er mag sie. Wenn er sie ansieht, schnurrt er. Er
denkt sich etwas aus und erzählt ihr dann verschiedene unglaubliche
Geschichten. Sie liebt sie über alles."
"Aha". Ich bewegte die Ohren. "Unglaubliche Geschichten. Phantasien.
Und Laudanum. So, dann sind wir zu Hause, pun not intended. Sei es drum.
Laß uns an das Mädchen denken. Es ist mein Wunsch, daß sie gesund wird.
Und zwar ein dringender Wunsch."
Die Katze kniff ihre goldenen Augen zusammen und stellte die
Schnurrbarthaare auf, was bei uns Katzen ein grenzenloses Erstaunen
bedeutet. Sie beherrschte sich jedoch schnell. Und sie sagte nichts. Sie
wußte, daß eine Frage nach Motiven eine ungeheuerliche Taktlosigkeit wäre.
Sie wußte auch, daß ich eine solche Frage nicht beantworten würde. Keine
Katze würde jemals so eine Frage beantworten. Wir tun, was wir wollen und
wir pflegen, uns nicht zu entschuldigen.
"Mein Wunsch ist es", ich wiederholte es mit Nachdruck, "daß die
Krankheit das Fräulein Alice Liddell verläßt."
Venera setzte sich, kniff die Augen zu, bewegte ihr Ohr.
"Es ist dein Privileg, o Prinz", sagte sie sanft. " Ich... Ich kann
mich nur bedanken... für die Ehre. Ich liebe das Kind."
"Es war keine Ehre. Also danke nicht, sondern gehe an die Arbeit."
"Ich?" Sie sprang fast auf vor Überraschung. "Ich soll sie heilen? Es
ist normalen Katzen doch verboten! Ich dachte, daß Eure Hochheit selbst
die Güte haben werden... Übrigens, ich könnte nicht..."
"Zum Ersten, es gibt keine normalen Katzen. Zum Zweiten darf ich
jedes Verbot brechen. Hiermit habe ich eins gebrochen. Geh' an die
Arbeit."
"Aber..." Venera ließ mich nicht aus den Augen, in denen plötzlich
sich Angst ausdrckte. " Doch... Wenn ich die Krankheit aus ihr
rausschnurre, dann muß ich..."
"Ja", ich bestätigte beiläufig. "Du wirst an ihrer Stelle sterben."
Du liebst das Mädchen angeblich, dachte ich. Beweise es. Du dächtest
vielleicht, es reicht aus, auf den Knien zu liegen, zu schnurren und sich
streicheln zu lassen? Die Ansichten festigen, wonach die Katzen
grundfalsch seien, daß sie ausschließlich am Ort und nicht an den Menschen
hängen?
Selbstverständlich war es unter meiner Würde, Venera solche
Banalitäten zu erzählen. Und gänzlich überflüssig. Hinter mir stand die
Macht der Autorität. Der einzigen Autorität, die von einer Katze
akzeptiert wird. Venera miaute leise, sprang auf Alices Brust, begann die
Decke mit den Pfoten zu drücken. Ich konnte leises Knistern der Krallen
hören, die im Adamaststoff hängenblieben. Als die Katze die richtige
Stelle aufgespürt hatte, legte sie sich hin und begann laut zu schnurren.
Trotz des eindeutigen Mangels an Übung machte sie die Sache hervorragend.
Ich könnte geradezu spüren, wie sie mit jedem Schnurr aus der Kranken das
aussog, was entfernt werden sollte.
Ich störte sie natürlich nicht. Ich wachte an der Tür, auf daß
niemand störte. Wie sich herausstellte, zu recht.
Die Tür öffnete sich leise und in das Zimmer trat der besagte blasse
Brünett, Charles Ludwig, oder Ludwig Charles, ich weiß es nicht mehr. Er
kam mit gesenktem Kopf, reumütig und von Trauer und Schuld erfüllt. Er sah
sofort Venera Whiteblack auf Alices Brust und befand, daß es jetzt
jemanden gibt, auf den man die Schuld abwerfen kann.
"Heda!, Kkkk... Katze", er stotterte. "Hatschi! Gehe vom Bett,
sooo... sofort!"
Er trat zwei Schritte, schaute in Richtung des Sessels, auf dem ich
lag. Und bemerkte mich - oder vielleicht nicht direkt mich, sondern mein
Grinsen, in der Luft aufgehängt. Ich weiß nicht, wie er das könnte, aber
er sah es. Und wurde blaß. Er schüttelte den Kopf. Er beleckte sich die
Lippen. Und dann streckte er die Hand nach mir.
"Berühre mich", sagte ich so süß, wie ich nur konnte. "Berühre mich
nur, du Grobian, und du wirst den Rest des Lebens die Nase mit einer
Prothese putzen."
"Wer bist ddddd... ", er stotterte, "du?"
"Mein Name ist Legion", antwortete ich gleichgültig. "Für Freunde
Malingus, princeps potestatis aeris. Ich bin einer von denen, die
ausschauhaltend kreisen, quaerens quem devoret. Zu eurem Glück sind das,
was wir auffressen wollen, in der Regel Mäuse. Aber an deiner Stelle würde
ich keine voreiligen und zu weit gehenden Schlüsse ziehen."
"Das ist nnnn...", er stotterte diesmal so heftig, daß ihm die Augen
fast aus den Höhlen traten. "Das ist nnniii..."
"Möglich, doch, möglich", versicherte ich , immer noch weiß und
scharf lächelnd. "Bleibe dort, wo du stehst. Begrenze deine Aktivitäten
auf ein Minimum und ich werde es bei deiner Gesundheit belassen. Parole
d'honneur. Hast du verstanden, was ich gesagt habe, du Zweibeiner? Das
Einzige, das du bewegen darfst, sind deine Augenlieder und Augäpfel. Ich
erlaube Dir ebenfalls, vorsichtig ein- und auszuatmen."
"Aber..."
"Zu reden erlaubte ich nicht. Schweige und bewege dich nicht, als ob
dein Leben davon hängen würde. Denn das tut es auch, so am Rande
vermerkt."
Er hatte es begriffen. Er stand, schwitzte, betrachtete mich und
dachte fieberhaft nach. Er hatte sehr verschlungene Gedanken. Ich hätte
solche Gedanken bei einem Mathematikprofessor nicht erwartet. Zu dieser
Zeit tat Venera Whiteblack ihre Arbeit und die Luft vibrierte von der
Magie ihres Schnurrens. Alice bewegte sich, stöhnte kurz. Die Katze
beruhigte sie, in dem sie ihr die Pfote leicht auf das Gesicht legte.
Charles Lutwidge Dodgson - sein Name kam mir wieder in den Sinn - zitterte
bei diesem Anblick.
"Ruhig", sagte ich unerwartet sanft. "Hier wird geheilt. Das ist die
Therapie. Sei geduldig."
Er schaute mich einen Augenblick lang an.
"Du bbist mmm... meine eigene Phantasie", murmelte er schließlich.
"Es hat keinen Sinn, mit dddd... dir zu sprechen."
"Du hast es mir aus dem Munde genommen."
"Das", er wies mit leichten Kopfbewegung auf das Bett . "Das soll
Tttt... Therapie sein? Katzentherapie?"
"Du hast es erraten."
"Though this be madness", stammelte er, erstaunlicherweise ohne zu
Stottern, "yet there is method in't."
"Dies hast du mir auch aus dem Mund genommen."
Wir warteten. Endlich hörte Venera Whiteblack auf zu schnurren, legte
sich auf die Seite, gähnte und kämmte ihr Fell ein paar Mal mit der
rosigen Zunge.
"Ich glaube, es ist soweit", erklärte sie unsicher. "Ich zog alles
aus ihr heraus. Das Gift, die Krankheit und das Fieber. Sie hatte noch
etwas im Knochenmark, ich wußte nicht, was es war. Zur Sicherheit zog ich
es auch heraus."
"Bravo, My Lady."
"Your Grace?"
"Bitte?"
"Ich lebe immer noch."
"Du hast doch nicht geglaubt", ich lächelte überlegen, "daß ich dich
sterben lasse?"
Die Katze kniff , stumm dankend, die Augen. Charles Lutwidge Dodgson,
der seit längerer Zeit unsere Handlungen verfolgte, räusperte sich laut.
Ich schaute ihn an
"Sprich", erlaubte ich großzügig. "Nur stottere bitte nicht."
"Ich weiß nicht, was für ein Ritual hier veranstaltet wird", begann
er leise. "Aber es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde..."
"Fahre mit den Dingen fort."
"Alice ist noch immer bewußtlos."
Hm. Er hatte recht. Es sah so aus, als ob die Operation geglückt war.
Aber ausschließlich den Ärzten. Medice, cura te ipsum, dachte ich. Ich
zögerte noch, zu reden, fühlte den fragenden Blick der Katze und den
unruhigen Blick des Mathematikers auf mir. Ich überdachte die
verschiedenen Möglichkeiten. Eine von ihnen war, mit den Schultern zu
zucken und wegzugehen. Aber ich hatte mich zu sehr in dieser Geschichte
engagiert; ich konnte mich jetzt nicht mehr zurückziehen. Die Flasche, um
die ich mit dem Hasen gewettet hatte war das Eine, aber Prestige...
Ich dachte intensiv nach. Und dabei hatte man mich gestört.
Charles Lutwidge sprang plötzlich auf , Venera Whiteblack zuckte
zusammen und hob den Kopf. Auf dem verschlungenen Muster der
viktorianischen Tapete tanzte ein schnellbeweglicher Schatten auf.
"Haa-haa!", piepste der Schatten, um den Leuchter kreisend. "Haben
denn nicht die Kätzchen auf die Fledermäuse ein Böckchen?"
Venera legte die Ohren an, zischte, machte einen Buckel und fauchte
wütend. Radetzky ließ sich vorsichtigerweise vom Lampenschirm hängen.
"Chester!", rief er aus der Höhe, einen Flügel streckend. "Archie
ließ mich dir wiederholen, daß du dich beeilen sollst! Es sieht schlecht
aus! Les Coeurs haben das Mädchen mitgenommen! Beeile dich, Chester!"
Ich fluchte äußerst vulgär, aber in Ägyptisch, so daß niemand es
verstand. Ich warf einen Blick auf Alice. Sie atmete ruhiger; auf ihren
Wangen entdeckte ich den Anschein einer Röte. Aber, verdammt noch mal,
sie war immer noch bewußtlos.
"Sie träumt noch immer", Charles Lutwidge Dodgson teilte uns seine
epochale Entdeckung mit. "Und ich befürchte, was noch schlimmer ist, daß
es nicht ihr eigener Traum sei."
"Das befürchte ich auch." Ich schaute ihm in die Augen. " Es ist aber
nicht die richtige Zeit für theoretische Abhandlungen. Man muß sie aus der
Maligna herausreißen, bevor es zu unwiderruflichen Folgen kommt. Radetzky?
Wo ist das Mädchen im Augenblick?"
"Auf Wonderland Meadows!", krächzte die Fledermaus. "Auf dem
Crockettplatz! Mit Mab und Les Coeurs!"
"Wir fliegen."
"Fliegt", Venera Whiteblack fuhr die Krallen aus. "Und ich werde hier
wachen."
"Moment", Charles Lutwidge rieb sich die Stirn. "Ich verstehe das
alles nicht... Ich weiß nicht, wohin und wofür ihr fliegen wollt, aber...
Man kommt ohne mich nicht aus... Ausgerechnet ich muß mir das Ende der
Geschichte ausdenken. Um das zu tun... By Jove! Ich muß mit euch gehen."
"Machst du Scherze?", prüstete ich. "Du weißt nicht, wovon du
sprichst."
"Ich weiß es doch. Es ist meine eigene Phantasie."
"Nicht mehr."
* * *
Auf dem Rückweg war der horror vacui noch schlimmer. Weil ich in Eile
war. Es passiert, daß bei solchen Reisen die Eile manchmal tödlich wirkt.
Ein kleiner Irrtum in den Berechnungen und man landet in Florenz im Jahre
1348, während der Epidemie des Schwarzen Todes. Oder in Paris, in der
Nacht vom zweiundzwanzigsten auf dreiundzwanzigsten August 1572.
Aber ich hatte Glück. Ich landete dorthin, wo ich wollte.
* * *
Hutmacher irrte sich nicht und er übertrieb auch nicht, als er den
Haufen "die Bande der Effekthascher" nannte. Sie taten alles mit Effekt
und für den Effekt. Immer. Diesmal war es auch so.
Die Grasfläche zwischen den Akatienbäumen versuchte ungeschickt den
Eindruck eines Crockettplatzes schinden; um die Wirkung zu verstärken,
hatte man sogar einige halbrunde Tore, im Spielerjargon "arches"
genannt, aufgestellt. Les Coeurs - etwa zehn an der Zahl - hielten die
Requisiten in den Händen: die Hammer, also "mallets"; auf dem Rasen lag
etwas herum, das die Bälle darstellen sollte, aber wie zusammengerollte
Igel aussah. Die erste Geige in der Bande spielte natürlich die
flamenhaarige Mab, mit karminrotem Samtkleid und schrillen Schmuck
bekleidet. Mit erhobener Stimme und herrischen Gesten zeigte sie den
Coeurs ihre Plätze. Mit einer Hand berührte sie die Schulter von Alice
Liddell. Das Mädchen betrachtete die Königin und die Vorbereitungen mit
wachem Interesse und glühenden Wangen. Offensichtlich verstand sie nicht,
daß hier kein Spiel, sondern eine sadistische und effektheischende
Hinrichtung vorbereitet wurde.
Mein unerwartetes Erscheinen brachte - wie immer - eine leichte
Bewegung und Raunen unter der Reihen der Coeurs, welche jedoch von Mab
schnell beherrscht wurde.
"Bedaure, Chester", sagte sie kühl, die Rüschen auf Alices Schulter
mit der beringten Fingern durchknetend. "Ich bedaure zutiefst, aber wir
haben schon eine vollständige Mannschaft. Unter anderem aus diesem Grund
hat man dir keine Einladung geschickt."
"Macht nichts", ich gähnte und demonstrierte dabei alle meine
Schneide-, Stoß-, Mahl- und Backenzähne, insgesamt einen ganzen Haufen an
Dentin und Zahnschmelz. "Macht nichts, Eure Hochheit, ich wäre sowieso
gezwungen gewesen, abzusagen. Ich stehe nicht auf Crockett, ich mag andere
Spiele lieber. Was aber die vollständige Mannschaft betrifft, so hoffe
ich, daß ihr auch Reservespieler auf Lager habt?"
"Was kann dich", Mab kniff die Augen zu, "das denn angehen, was wir
haben und was nicht?"
"Ich bin gezwungen, das Fräulein Liddell von hier abzuholen. Ich
hoffe, daß ich euch damit den Spaß nicht verderbe."
"Aha", Mab revanchierte sich mit der Demonstration ihrer Zähne, die
ungeschickt ein Lächeln imitierte. "Aha. Ich verstehe. Erkläre mir aber,
warum unsere ewigen Streitereien um die Hegemonie immer ins gegenseitige
Wegnehmen der Spielzeuge ausarten? Müssen wir uns denn wie die Kinder
aufführen? Könnten wir denn nicht Zeit und Ort festlegen und das
erledigen, was zu erledigen ist? Würdest du mir das erklären, Chester?"
"Mab", antwortete ich. "Wenn du diskutieren möchtest, dann setze Zeit
und Ort fest. Mit angemessener Vorlaufzeit. Heute bin ich nicht in der
Stimmung zum Diskutieren. Außerdem warten die Spieler. Ich nehme also
Miss Liddell mit mir und verschwinde, um mich nicht aufzudrängen."
"Wozu, zum Kuckuck", Mab verfiel in ein schreckliches Argot, wenn sie
verärgert war, "und zum welchen Schwanz brauchst du das Mädel, du
verdammter Kater? Warum liegt dir soviel an ihr? Oder geht es hier gar
nicht um das Kind? Antworte mir!"
"Ich sagte schon, ich habe keine Lust zum Diskutieren. Das schließt
die Beantwortung der Fragen ein. Komm zu mir, Alice."
"Wage es ja nicht, dich zu bewegen, du Göre", Mab drückte die Finger
auf der Schulter von Alice kräftig zusammen, so daß das Gesicht des
Mädchens sich vor Schmerz verzog und grau wurde. Vom Ausdruck ihrer
dunklen Augen entnahm ich, daß sie langsam zu verstehen begann, welches
Spiel hier gespielt wurde.
"Eure Hochheit", ich sah mich um und stellte fest, daß die Coeurs
mich langsam umzingelten, "beliebt ihre entzückende Hand von der Schulter
dieses Kindes wegzunehmen. Unverzüglich. Eure Hochheit möge ebenso gütig
ihre Helfershelfer anweisen, sich auf die vom Protokoll vorgesehene
Entfernung zurückzuziehen."
"Wirklich?", Mab zeigte weitere Zähne. "Und wenn ich nicht beliebe,
was dann, wenn man wissen darf?"
"Man darf. Dann, du rotkopfige Schlange, werde ich mich auch nicht
protokollgerecht verhalten. Ich werde eure ganze beschissene Bande etwas
bluten lassen."
Und hiermit war die Unterhaltung zu Ende. Les Coeurs fielen ganz
gewöhnlich über mich her, ohne das Verklingen des Schreies von Mab und das
Ende ihrer herrischen Geste abzuwarten. Sie stürzten sich auf mich alle,
wieviele auch da waren. Auf einem Haufen.
Aber ich war vorbereitet. Fetzen flogen von ihren mit
Spielkartensymbolen beschmückten Jacken. Fetzen flogen von ihnen selbst.
Fetzen flogen auch von mir, aber bedeutend weniger. Ich wälzte mich auf
den Rücken. Es verminderte zwar etwas meine Beweglichkeit, aber ich konnte
sie auch mit Hilfe der Hinterpfoten häckseln. Die Anstrengung trug langsam
Früchte - einige der Les Coeurs, kräftig von meinen Zähnen und Kralen
bezeichnet, tratten den schmachvollen Rückzug an, ohne auf die Schreie der
Mab zu achten, die mit vulgären Worten befahl, was mir herauszureißen sei.
"Wer beachtet euch denn überhaupt?", schrie Alice plötzlich auf,
womit sie zu dem allgemeinen Tohuwabohu eine ganz neue Note hinzufügte.
"Ihr seid ein Kartenspiel! Nur ein Kartenspiel!"
"So?", heulte Mab, sie dabei heftig schüttelnd. "Was du nicht sagst?"
Einer der Coeurs, ein kraushaariger Jüngling mit dem Kreuzzeichen auf
der Brust, faßte mich beidhändig am Schwanz. Ich kann solche
Vertraulichkeiten nicht ausstehen, so riß ich ihm den Kopf ab. Aber die
anderen saßen schon auf mir und machen von Fäusten, Schuhabsätzen und
Crockettschlägern Gebrauch, kräftig dabei schnaubend. Verdammt verbissen
waren sie dabei. Aber ich war auch verbissen. Nach kurzer Zeit wurde es um
mich herum etwas freier. Ich konnte vom Stellungskrieg zum Bewegungskrieg
überwechseln. Die Grasnarbe war schon teuflisch rot und ebensteuflisch
rutschig.
Alice trat Mab aus allen Kräften ins Schienbein. Ihre Königliche
Hochheit fluchte unflätig und schlug sie schwungvoll ins Gesicht. Das
Mädchen fiel hin, auf einem der Coeurs landend, der gerade versuchte
aufzustehen. Bevor er Alice abwerfen konnte, kratzte ich ihm ein Auge aus.
Dem, der versuchte zu stören, kratzte ich beide aus. Die zwei Übrigen
nahmen die Beine in die Hände und ich konnte aufstehen.
"Na, liebe Queen of Hearts? Reicht es für heute?", stieß ich hervor,
das Blut von der Nase und Schnurrbart ableckend. "Bringen wir es
vielleicht später zuende, nachdem wir die Zeit und den Ort früher
vereinbart haben?"
Mab bot mir eine Schimpfkannonade an, in der die Bezeichnung
"getigerter Hurensohn" zu den sanftesten, aber auch zu den am häufigsten
wiederholten Ausdrücken gehörte. Offensichtlich hatte sie nicht vor, den
Konflikt zu vertagen. Einige der Les Coeurs erholten sich vom ersten
Schock und bereiteten sich auf den zweiten Angriff. Aber ich war schon
etwas müde und ohne jeden Zweifel hatte ich eine gebrochene Rippe. Ich
stellte mich vor Alice.
Mab schrie triumphal auf. Die Akatienbüschen traten zu Seite wie das
Schwarze Meer. Ein Fahntierbär lief von da im Schweinsgalopp, von
schrillen Schreien der Les Coeurs angefeuert. Genauergenommen, ein gut
gewachsenes Stück von einem Fahntierbär. Von einem bissfährlichen
Fahntierbär.
"Ich lasse aus dir eine Mütze nähen, Chester!", schrie Mab, dem
Fahntierbär zeigend, auf wen er sich zu stürzen habe. "Falls von dir noch
genug Fell für eine Mütze übrigbleibt!"
Ich bin eine Katze. Ich habe neun Leben. Ich weiß aber nicht, ob ich
euch schon erzählt hatte, daß ich acht schon verbraucht hatte.
"Laufe weg, Alice!", knurrte ich. "Lauf!"
Aber Alice Liddell, von der Angst gelähmt, rührte sich nicht. Das
wunderte mich auch nicht.
Fahntierbär schnarrte mit den Klauen im Gras, als ob er vor hätte,
eine U-Bahn-Station oder einen Mont-Blanc-Tunnel auszuheben. Er richtete
sein schwarz-rotes Fell auf, wodurch er zweimal so groß erschien, obwohl
er auch so groß genug war. Die Muskel unter seiner Haut spielten die
Neunte Symphonie, seine Augen brannten wie ein Höllenfeuer. Er öffnete den
Rachen in einer Weise, die mir sehr schmeichelte. Und er stürzte sich auf
mich.
Ich verteidigte mich verbissen. Ich gab alles. Aber er war größer und
verflixt kräftig. Bevor ich ihn abwerfen konnte, hatte er mir eine
Abreibung verpaßt, die sich gewaschen hatte.
Ich konnte mich gerade noch auf den Beinen halten. Das Blut goß sich
über meine Augen und erstarrte an den Seiten; die scharfe Spitze einer der
zahlreich gebrochenen Rippen suchte beharrlich nach etwas in meiner
rechten Lunge. Alice brüllte so, daß es in den Ohren sauste. Fahntierbär
rieb sich schwungvoll die Eier am Gras sauber, bewegte die Reste seiner
Ohren, schaute mich durch die zerschundenen Augenlieder an. Wieder öffnete
er den Rachen. Und ganz unerwartet schloß er ihn. Statt nocheinmal zu
springen und mir den Fangstoß zu geben, stand er in leiser Zaubrigkeit
versunken da. Wie ein Ochsenarsch.
Ich schaute mich reflexartig herum, und ich sage euch, zum letzten
Mal hatte ich so etwas in "Birth of a Nation" von Griffith gesehen. Denn
unter den Bäumen ritt ein Entsatz die Attacke. Es war aber weder U.S.
Cavalry, noch Ku-Klux-Klan. Es war mein Bekannter, ein gewisser Charles
Lutdwige Dodgson. Er sah, wie der Heilige Georg auf dem Bild von
Carpaccio, bewaffnet war er aber mit einem Worpalschwert, das
augenstechende, winklitzende Reflexe in der Gegend verteilte.
Ihr werdet es nicht glauben, aber Fahntierbär floh zuerst. Hinter
seinem untergegeklemmten Schwanz suchten die von den Les Coeurs die Weite,
die ihre Beine noch in ihrer Gewalt hatten. Als letzte verließ, in ihr
Samtkleid verwickelt, Königin Mab das Schlachtfeld. Ich sah das alles wie
durch ein mit Rote-Bete-Saft gefülltes Aquarium. Und einen Moment
später...
Versprecht alle, daß ihr nicht lachen werdet.
Einen Moment später sah ich ein Kaninchen mit rosa Augen, das auf das
Zifferblatt einer Taschenuhr schaute, welche ee aus der Tasche seiner
Weste gezogen hatte. Und dann fiel ich in ein schwarzes, bodenloses
Loch.
Das Fallen dauerte lange.
Ich bin eine Katze. Ich falle immer auf vier Beine. Auch, wenn ich
mich nicht daran erinnern kann.
* * *
"Ach", sagte plötzlich Charles Lutwidge Dodgson, sich mit dem
Ellenbogen auf ein Ratankorb mit Butterbroten stützend. "Kennst du, Kater
von Cheshire, dieses entzückende Gefühl der Schläfrigkeit, welches das
Aufwachen an einem Sommermorgen begleitet, wenn die Luft nach
Vogelgezwitscher klingt, eine erfrischende Brise durch das offene Fenster
hereinweht, und du, träge und mit halbgeschlosenen Augen da liegend,
siehst, als wie noch immer im Traum, grüne Zweige, die sich schwerfällig
bewegen; die Wasseroberfläche, von goldenen Wellen durchzogen? Ach, glaube
mir, Katze, es ist eine an die tiefe Traurigkeit grenzende Wonne; eine
Wonne, die die Augen mit Tränen füllt, wie ein schönes Bild oder
Gedicht..."
Ihr werdet es nicht glauben. Er hatte nicht gestottert. Kein einziges
Mal.
Das Picknick dauerte an. Alice Liddell und ihre Schwester spielten
lautstark am Ufer der Themse; sie liefen nacheinander auf ein am Ufer
vertautes Boot und sprangen danach wieder herunter. Wenn eine dabei ins
Wasser plumpste, kreischte sie schrill und hob das Kleidchen hoch. In
solchen Augenblicken wurde Charles Lutwidge Dodgson, der neben mir saß,
etwas lebendiger und rötlicher im Gesicht.
"And I have loved you so long...", summte ich leise herum; ich kam zu
dem Schluß, daß Märzhase in dem, was er sagte, oft viel Recht hatte.
"Bitte?"
"Greensleeves. Sei es drum. Weißt du was , mein lieber Charles?
Beschreibe das alles. Ein Märchen, das, wie man am beigefügten Bild sehen
kann, langsam, wie ein Gebäude entstanden ist und voller seltsamer
Gestalten steckt. Es wird Zeit, es zu beschreiben. Um so mehr, da der
Anfang schon gemacht wurde."
Er schwieg und ließ die freudig quieckende Alice Liddell nicht aus
den Augen, die das Kleid so hob, daß man ihren Slips sehen konnte.
"Das halbe Leben trennt uns", sagte er plötzlich leise. "Und die Zeit
zieht grausam schnell vorbei. Sie wird nie mehr an mich denken, in den
Jahren der Jugend, die kommt..."
"Ich würde eher Prosa suggerieren", ich konnte mich nicht
zurückhalten. "Die Poesie wird sich nicht gut verkaufen."
Er schaute mich an und verzog das Gesicht.
"Könntest du dich vielleicht hmm... etwas mehr materialisieren?",
fragte er. "Es ist etwas nervig, dein Grinsen zu sehen, das so im Nichts
hängt."
"Heute, mein lieber Charles, kann ich dir nichts abschlagen. Meine
Schulden bei dir sind zu groß."
"Laß uns nicht darüber sprechen", sagte er, leicht verlegen und den
Blick abwendend. "Jeder an meiner Stelle... Ich konnte doch nicht
erlauben, daß sie... und dich... meine eigene Phantasie tötet."
"Danke, daß du es nicht erlaub hast. Aber so, unter uns, woher, o
Zierde der Kavalerien und Infanterien, hast du ein winklitzendes
Worpalschwert ausgegraben?"
"Woher hatte ich was?"
"Forget it, Charles. Wir schweifen ab."
"Ein Buch das das alles beschreibt?", er versank schon wieder in
Gedanken. "Was weiß ich? Also wirklich, ich wüßte nicht, ob ich es
könnte..."
"Du würdest es können. Deine Phantasie besitzt genug Kraft, um Rippen
brechen zu können."
"Hmmm", er machte eine Bewegung, als ob er mich streicheln wollte,
entsann sich aber rechtzeitig.
"Hmmm, wer weiß? Vielleicht ihr... würde so ein Buch gefallen?
Außerdem, die Hochschule bezahlt lausig, ich könnte ein paar Pfund nebenan
gebrauchen... Selbstverständlich hätte ich einen Decknamen benutzen
müssen. Meine Stelle als Dozent..."
"Ein ordentliches nome de plume tut bei dir Not, Charles", ich
gähnte. "Nicht nur der Schulverwaltung wegen. Dein Geburtsname eignet sich
nicht für einen Buchumschlag. Es klingt, als ob ein an einem Lungenöodem
Sterbender sein Testament diktiert hätte."
"Unerhört", er täuschte Empörung vor. "Hast du vielleicht einen
Vorschlag? Etwas, das besser klingt?"
"Habe ich. William Blake."
"Du spottest."
"Emily Brontö."
Diesmal verstummte er und gab lange keinen Ton von sich.
Liddell-Fräuleins fanden am Ufer eine Teichmuschel. Die freudigen Schreie
wollten kein Ende nehmen.
"Du schläfst, Katze aus Cheshire?"
"Ich versuche es."
"Na, dann schlafe, o Tiger, der im Dickicht der Nacht glüht. Ich
werde dich nicht stören."
"Ich liege auf dem Ärmel deines Jacketts. Was würde passieren, wenn
du aufstehst?"
"Ich würde den Ärmel abschneiden."
Wir schauten auf die Themse, in der Enten schwammen, und schwiegen
lange.
"Die Schriftstellerei...", sagte plötzlich Charles Lutwidge, der den
Eindruck erweckte, selbst an einem Sommermorgen aufgewackt zu sein. "Die
Schriftstellerei ist eine tote Kunst. Das zwanzigste Jahrhundert naht,
und dies wird das Jahrhundert des Bildes."
"Du meinst das von Luis Jacques Monde Daguerre ausgedachte
Spielzeug?"
"Ja", bestätigte er. "Gerade Photographie habe ich im Sinn. Die
Literatur ist eine Phantasie, also eine Lüge. Der Schriftsteller belügt
den Leser, indem er ihn auf Irrwege der eigenen Immagination führt. Er
täuscht ihn mit Zweideutigkeiten oder Mehrdeutigkeiten. Eine Photographie
lügt nie..."
"Ach wirklich?", ich bewegte die Schwanzspitze, was bei uns, Katzen,
manchmal Spotten bedeutet. "Eine Photographie ist nie zweideutig? Auch die
nicht, die ein zwölfjähriges Mädchen darstellt, in einem recht
zweideutigen, weit fortgeschrittenen Entkleidungszustand? Das auf einem
Chaiselongue in einer zweideutigen Pose liegt?"
Er wurde rot.
"Es ist kein Grund, sich zu schämen", ich bewegte wieder meinen
Schwanz. "Wir alle lieben die Schönheit. Mich faszinieren auch blutjunge
Katzendamen, mein lieber Charles Lutwidge, . Würde ich mich mit der
Photographie befassen, so wie du, hätte ich auch keine anderen Modelle
gesucht. Und spucke auf die Konventionen."
"Ich habe niemandem diese Bilder gggg... gezeigt", unerwartet begann
er wieder zu stottern. "Und ich werde sie nie zzzz... zeigen. Obwohl du
solltest wissen, daß es einen Zzzz... Zeitpunkt gab, an dem ich an die
Photographie gewisse Hoffnungen gehegt habe... Finanzieller Natur."
Ich lächelte. Ich wette, daß er dieses Lächeln nicht verstand. Er
wußte nicht, woran ich dachte. Er wußte nicht, was ich sah, während ich
den schwarzen Stollen des Kaninchnbaus herunterfiel. Aber ich sah und
wußte unter anderem, daß in hundertvierunddreißig Jahren, im Juni 1996,
vier von seinen Photographien, die Mädchen im Alter von elf bis dreizehn
Jahren darstellten, alle in romantischer und aufregender viktorianischer
Unterwäsche, alle in zweideutigen, jedoch erotisch suggestiven Posen, bei
Sotheby's unter den Hammer gehen und für einen Betrag von
achtundvierzigtausendfünfhundert Pfunds Sterling verkauft werden. Eine
hübsche Summe, für vier Blatt Papier, das in der Kolotypie-Technik
bearbeitet wurde.
Es hatte aber keinen Sinn, darüber zu sprechen.
Ich hörte Flügelrauschen. An einer Weide in der Nähe setzte sich
Edgar und krähte durchdringend. Völlig unnötig. Ich wußte selbst, daß es
Zeit war.
"Es ist Zeit, das Picknick zu beenden", ich stand auf. "Leb' wohl,
Charles."
Er zeigte kein Erstaunen.
"Bist du in der Lage zu gehen? Deine Wunden..."
"Ich bin eine Katze."
"Ich hätte es fast vergessen. Du bist eine Katze aus Cheshire. Werden
wir uns noch irgendwann mal treffen? Was meinst du?"
Ich antwortete nicht.
"Werden wir uns noch ein mal treffen?", wiederholte er.
"Nevermore", sagte Edgar.
* * *
Und das wäre, meine Lieben, im Prinzip das Ende. Ich werde mich also
kurz fassen.
Als ich in das Land zurückkam, der Nachmittag dauerte noch immer an,
denn die Zeit fließt hier anders, als bei euch. Ich ging aber nicht zum
Hasen und Hutmacher, um gemeinsam die in der Wette gewonnene Flasche zu
leeren und sich mit dem nächsten - nach dem sturen Shakespeare - Erfolg
bei der Korrektur der Geschicke der Weltliteratur zu brüsten. Ich ging
auch nicht zu Mab, um mit Hilfe von banaler, jedoch komplimentgespickter
Konversation versuchen, den Konflikt zu glätten. Ich ging in den Wald, um
auf dem Ast herumzuliegen, die Wunden auszulecken und das Fell in der
Sonne zu wärmen.
Das Schild mit der Aufschrift "BEWARE THE JABBERWOCK" brach jemand ab
und warf es in die Büsche. Wahrscheinlich hatte es der Jabberwock
höchstpersönlich getan, denn er pflegte dies öfters zu tun. Er hatte es
gerne, jemanden zu überraschen und die Warntafel machte den ganzen
Überraschungseffekt zunichte.
Mein Ast war dort, wo ich ihn zurückgelassen hatte. Ich bestieg ihn.
Ich lies den Schwanz pittoresk herunterbäumeln. Ich legte mich hin,
nachdem ich sicher war, daß in der Gegend Radetzky sich nicht
herumtreiben würde.
Die Sonne brannte nieder. Im Dickicht der Dortdoren und Hierhiren
lustig platschumsten die Peliniche. Die Irrlinge brülpfeifaubten.
Schwalatter machten etwas schlaziös in der nahen Gargazone, ich wußte aber
nicht, was. Die Entfernung war zu groß.
Es war ein goldener Nachmittag
Es war schmülstig. Und trauholisch. So, wie es hier eben ist.
Ach, übrigens, lest es doch selbst. Im Original. Oder in einer der
Übersetzungen.
Es gibt doch so viele davon.
Andrzej Sapkowski
Translation 07.98-01.99 by peter.jakubowski@gmx.de
under colaboration of Anne-Katherine Lange
Siebenschläfer (in der Übersetzung von Barbara Teutsch)
vgl. Buch der Sprüche x.x (Anmerkung des Übersetzers)
vgl. Offenbarung des Johannes 6,7f (A.d.Ü.)
vgl. 1. Brief an die Korinther 13,x (A.d.Ü.)
Laudanum - opiumhaltiges Getränk, beruhigende, schmerzstillende und
haluzinogene Wirkung
Schlabberwork in der Übersetzung von Barbara Teutsch
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© '99 by John MacKanacKy (aka Jacek Suliga)
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