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Die Stimme der Vernunft 4 Laß uns miteinander reden, Iola. Ich brauche dieses Gespräch. Man sagt, das Schweigen sei Gold. Vielleicht. Ich weiß nicht, ob es soviel wert ist. Auf jeden Fall hat es seinen Preis. Man muß dafür bezahlen. Für dich es ist leichter, ja, streite es nicht ab. Du schweigst aus deinem eigenen Entschluß, du hast aus deinem Schweigen ein Opfer für deine Göttin gemacht. Ich glaube nicht an Melitele, ich glaube auch nicht an die Existenz anderer Götter, ich schätze aber deine Wahl, dein Opfer, ich achte und respektiere das, woran du glaubst. Denn dein Glaube und deine Hingabe, der Preis, den du für das Schweigen zahlst, sie machen dich zu einem besseren, wertvolleren Geschöpf. Oder sie könnten es zumindest tun. Mein Unglaube aber kann gar nichts. Er ist ohnmächtig. Du fragst aber, woran ich glaube? Ich glaube an das Schwert. Wie du siehst, trage ich zwei. Jeder Hexer hat zwei Schwerter. Die Mißgünstigen erzählen, das Silberne sei für die Ungeheuer, das Eiserne für die Menschen. Das ist natürlich unwahr. Es gibt Monster, die ausschließlich von einer silbernen Klinge verwundbar sind, es gib aber auch solche, für die das Eisen tödlich ist. Nein, Iola, nicht jedes Eisen, nur eines, das von einem Meteoriten stammt. Du fragst, was ein Meteorit sei? Es ist ein fallender Stern. Du hast bestimmt schon mal einen fallenden Stern gesehen, einen kurzen, leuchtenden Schweif an dem Nachthimmel. Dabei hast du bestimmt einen Wunsch ausgesprochen, es war für dich vielleicht noch ein Grund mehr, an die Götter zu glauben. Für mich ist ein Meteorit nur ein Klumpen Metall, das, gefallen, tief in der Erde steckenbleibt. Metall, aus dem man ein Schwert fertigen kann. Na klar, du darfst das Schwert in die Hand nehmen. Merkst du, wie leicht es ist? Sogar du kannst es ohne Mühe heben. Nein! Berühre die Schneide nicht, du würdest dich verletzen! Sie ist schärfer, als ein Rasiermesser. Sie muß es so sein. Oh ja, ich übe oft. In jedem freien Augenblick. Ich darf nicht aus der Übung kommen. Hier, in diesen entlegenen Winkel des Parks, bin ich auch nur deswegen gekommen, um mich etwas zu bewegen, um aus den Muskeln diese widerwärtige Steife, diese in mir zirkulierende Kälte auszubrennen. Und du hast mich hier gefunden. Seltsam, ein paar Tage lang habe ich versucht, dich zu finden. Ich habe nach dir Ausschau gehalten. Ich wollte... Ich brauche dieses Gespräch, Iola. Komm, setzen wir uns hin, laß uns eine Weile miteinander sprechen. Du kennst mich noch überhaupt nicht, Iola. Ich heiße Geralt. Geralt aus... Nein. Nur Geralt. Geralt aus nirgendwo. Ich bin ein Hexer. Mein Haus, es ist Kaer Morhen, der Hexerhorst. Da komme ich her. Es ist... Es war eine Festung. Es ist nicht viel davon übriggeblieben. Kaer Morhen... Dort wurden solche wie ich, produziert. Man tut es nicht mehr und in Kaer Morhen wohnt auch niemand mehr. Niemand außer Vesemir. Du fragst, wer Vesemir sei? Er ist mein Vater. Warum schaust du mich so überrascht an? Was ist daran so seltsam? Jeder hat irgendeinen Vater. Meiner ist Vesemir. Daß er nicht mein leiblicher Vater ist, na und? Den Echten habe ich nie gekannt, die Mutter auch nicht. Ich weiß nicht einmal, ob sie noch leben. Und in Grunde genommen es ist mir auch egal. Ja, Kaer Morhen... Ich habe dort die übliche Mutation durchgemacht, Test der Gräser und danach das Übliche. Hormone, Kräuter, die Infektion mit dem Virus. Und von vorne. Und noch mal. Bis zum Ergebnis. Angeblich habe ich die Änderungen überraschend gut vertragen, ich war nur sehr kurze Zeit krank. So hat man mich für einen sehr robusten Rotzbengel gehalten und ich wurde für weitere, etwas kompliziertere... Experimente ausgesucht. Da wurde es schlimmer. Viel schlimmer. Aber, wie du siehst, ich habe überlebt. Als einziger von den, die für diese Experimente ausgesucht wurden. Seit dem habe ich weißes Haar. Vollständiger Pigmentverlust. Wie man sagt - eine Nebenwirkung. Kleinigkeit. Es stört nur wenig. Dann wurde ich über viele Dinge unterrichtet. Recht lange. Und dann kam der Tag, an dem ich Kaer Morhen verließ und mich auf den Weg begab. Ich hatte schon mein Medaillon, o ja, genau dieses. Das Zeichen der Schule des Wolfes. Ich hatte auch zwei Schwerter: das Silberne und das Eiserne. Außer den Schwertern trug ich noch die Überzeugung, den Eifer, die Motivation und... den Glauben. Den Glauben daran, daß ich gebraucht werde und nützlich sei. Denn die Welt, Iola, sie ist voller Ungeheuer und Biester und meine Aufgabe ist es, die von den Monster und Biester Bedrohten zu beschützen. Als ich von Kaer Morhen aufbrach, träumte ich von dem ersten Treffen mit meinem ersten Ungeheuer; ich konnte es kaum erwarten, bis ich mit ihm Auge in Auge stehen würde. Und dann war es soweit. Das erste Ungeheuer, Iola, war kahl und hatte unwahrscheinlich schlechte, kaputte Zähne. Ich traf es auf der Landstraße, wo es zusammen mit seinen Monster-Kameraden - aus irgendeiner Armee desertierten und marodierenden Soldaten - einen Bauernwagen aufgehalten hatte und ein Mädchen, vielleicht dreizehn Jahre alt, vielleicht auch noch nicht, aus dem Wagen zerrte. Die Kameraden hielten den Vater des Mädchens fest, der Kahle riß dem Mädchen das Kleid vom Leibe und schrie, daß für es die Zeit gekommen sei, einen richtigen Mann kennenzulernen. Ich ritt heran, stieg ab und sagte dem Kahlen, daß für ihn diese Zeit auch gekommen sei. Das fand ich damals unheimlich witzig. Der Kahle ließ den Balg los und sprang mich mit der Streitaxt an. Er war sehr langsam, aber zähe. Ich schlug ihn zwei Mal, erst dann brach er zusammen. Es waren keine besonders sauberen Hiebe, dafür aber sehr, laß es mich so ausdrücken, spektakuläre, von der Sorte, daß die Kameraden des Kahlen geflohen sind, als sie sahen, was ein Hexerschwert aus einem Menschen machen kann... Ich langweile dich nicht, Iola? Ich brauche dieses Gespräch. Ich brauche es wirklich. Wo war ich stehengeblieben? Aha, bei meiner ersten Edeltat. Siehst du, Iola, in Kaer Morhen hat man uns in die Schädel eingetrichtert, daß wir uns in solche Vorfälle nicht einzumischen haben, daß wir sie weiträumig umfahren sollen, daß wir nicht die edlen Wanderritter spielen und nicht die Wächter des Gesetzes ersetzen sollten. Ich bin nicht losgezogen um Ruhm zu ernten, sondern um die mir aufgetragenen Arbeiten für Geld zu erledigen. Und ich habe mich eingemischt, wie ein Dummkopf, nach nicht einmal fünfzig Meilen des Weges. Weißt du, warum ich das getan habe? Ich wollte, daß das Mädchen, von den Tränen der Dankbarkeit benetzt, mir, ihrem Retter, die Hände küßt, und daß ihr Vater mir auf den Knien für dir Rettung dankt. Derweil floh der Vater gemeinsam mit den Maroderen, das Mädchen aber, welches mit dem meisten Blut des Kahlen begossen war, sich übergeben müßte und einen Hysterie-Anfall bekam. Als ich mich ihr näherte, ist sie vor Angst ohnmächtig geworden. Seit dieser Zeit hatte ich mich nur noch sehr selten in ähnliche Geschichten eingemischt. Ich tat meinen Job, lernte schnell das Wie. Als ich zu den ersten Zäunen der Dörfer kam, zu den Palisaden der Siedlungen und Burgen, hielt ich an. Und dort wartete ich. Als die Leute spuckten, mich verwünschten und mit Steinen warfen, fuhr ich weg. Wenn aber statt dessen jemand herauskam und mir einen Auftrag erteilte, führte ich ihn aus. Ich besuchte Städte und Festungen, ich suchte Botschaften und Anzeigen auf Wegweisern. Ich suchte nach Nachrichten: "Hexer dringend gesucht". Und dann war es meist eine verlassene Kultstätte, ein Verlies, eine Nekropole oder eine Ruine, eine Schlucht im Wald oder eine Höhle in den Bergen, voller Knochen und nach Aas stinkend. Und es gab da etwas, das nur lebte, um zu töten. Vor Hunger, zum Vergnügen, vom krankhaften Willen eines Anderen gesteuert, aus anderen Gründen. Mantikore, Wyvern, Nebler, Girasor, Horribler, Hölzer, Vampir, Ghoul, Gravair, Werwolf, Gigaskorpion, Lamia, Auffresser, Kikimore, Vipper. Und es gab den Tanz in der Dunkelheit und den Hieb mit dem Schwert. Und es gab die Angst und den Ekel in den Augen dessen, der mir später meinen Lohn übergab. Fehler? Natürlich! Die hatte ich auch gemacht. Aber ich hielt an meinen Prinzipien fest. Nein, nicht am Kodex. Ich habe ihn manchmal als Vorwand benutzt. Die Leute mögen es so. Die, die ein eigenes Gesetz haben und danach handeln, werden geachtet und respektiert. Es gibt keinen Kodex. Man hat nie einen Hexerkodex zusammengestellt. Den Meinen habe ich mir selbst ausgedacht. Ganz einfach. Und ich war ihm treu. Immer... Nicht immer... Weil es manchmal so war, daß man glauben könnte, hier gebe es keinen Platz für Zweifel. Daß man sagen müßte: "Was geht mich das an? Es ist nicht mein Geschäft. Ich bin ein Hexer.". Daß man auf die Stimme der Vernunft hören sollte. Auf die Instinkte, wenn schon nicht auf das, was die Erfahrung sagt. Oder einfach auf die ganz gewöhnliche Angst. Ich hätte auf die Stimme der Vernunft hören sollen, damals... Ich habe nicht auf sie gehört. Ich dachte, ich würde das kleinere Übel wählen. Ich habe das kleinere Übel gewählt. Das kleinere Übel! Ich bin Geralt aus Rivia. Bekannt auch als der Schlächter von Blaviken. Nein, Iola. Fasse meine Hand nicht an. Die Berührung könnte bei dir auslösen... Du könntest sehen, was... Ich will aber nicht, daß du es siehst. Ich will es nicht wissen. Ich kenne meine Vorsehung, die hinter mir wie ein Strudel rotiert. Meine Vorsehung? Sie verfolgt mich auf Schritt und Tritt, aber ich schaue nie zurück. Die Schleife? Ja, Nenneke fühlt es, glaube ich. Was hat mich da geritten, damals in Cintra? Wie konnte ich so idiotisch das Ganze aufs Spiel setzen? Nein, nein und noch mal nein. Ich schaue nie zurück. Und nach Cintra komme ich nie zurück, ich werde Cintra wie ein Pestnest umreisen. Ich komme dorthin nie zurück. Ha, wenn ich mich nicht irrem sollte, müßte der Bengel irgendwann im Mai auf die Welt gekommen sein, so in der Gegend des Festes Belleteyn. Wenn es wirklich so wäre, hätten wir mit einem interessanten Zufall zu tun. Denn Yennefer ist auch am Belleteyn geboren... Laß uns schon gehen, Iola. Es dämmert schon. Danke, daß du mit mir sprechen wolltest. Danke, Iola. Nein, mir fehlt nichts. Ich bin in Ordnung. Ganz in Ordnung. Translation 06.1998 by Peter Jakubowski |
© '98 by John MacKanacKy (aka Jacek Suliga)
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